Impressionen zum Glück auf chinesisch

Die Skulpur aus Bronze mit drei Personen in Shanghai soll zeigen, was es im Leben eines Chinesen zu erreichen gilt. Ein alter Mann mit einem Stock verkörpert das lange Leben. Ein anderer mit einer goldenen Kugel in der Hand steht für Reichtum und materiellen Wohlstand. Die dritte Figur verkörpert einen Beamten mit einer typischen Kopfbedeckung und einem Schriftstück in der Hand. Er ist Inbegriff für eine erfolgreiche berufliche Karriere. Zu diesen drei Inhalten von Glück kommen noch gute Gesundheit und ein schmerzfreier Tod hinzu.

 

Ein davon abgeleitetes politisches Engagement folgt einer Logik, die man nur als utilitaristisch bezeichen kann. Wenn das Wasser des Jangtsekiang klar ist, dann wasche ich meine Haare darin. Das  Bild steht für einen guten Kaiser bzw. eine gute politische Führung, die man nach Kräften unterstützt. Wenn das Wasser des Jangtsekiang dagegen schmutzig ist, wasche ich meine Füße darin. Damit bringt man zum Ausdruck, dass die Führung schlecht  sowie schwach ist und man sich nicht engagiert. Man geht nicht hin.

 

Das chinesische Schriftzeichen für Glück bildet stilisiert einen Menschen ab, der unter dem Zeichen des Himmels genug zu essen hat und über ausreichend finanzielle Mittel verfügt. Die Auffassungen der Menschen, mit denen wir ins Gespräch gekommen sind, waren nicht selten an der Nützlichkeit der Dinge orientiert. In Diskussionen über Pflanzen und Tiere wurde weniger über Klassifikation oder ihrem Platz in der Umwelt diskutiert, sondern die Rede kam schnell darauf, ob man das jeweilige Tier oder die entsprechende Pflanze essen kann und wie im jeweiligen Fall die Zubereitung aussieht.

 

Dazu im gewissen Gegensatz steht die Wertschätzung für Bildung und Wissen. Wir gewannen den Eindruck, dass eine gute Schulbildung einen großen gesellschaftlichen Stellenwert hat. Ein befreundeter Professor brachte uns überzeugend nahe, dass Gelehrte ein hohes Ansehen im heutigen China genießen. Besonders erstrebenswert sei der Beruf des Arztes, weil man mit seinem Wissen dem Einzelnen helfen kann. Noch höher im Ansehen steht der Beamte oder Politiker, der mit seinen Entscheidungen und Handlungen vielen behilflich sein kann.

 

Auf Schritt und Tritt begegnet einem aber trotz guter Schulbildung ein schwer begreifbarer Aberglauben in allen Formen, um das Unglück abzuwehren und das Glück zu befördern. Eingänge von alten und neuen Häusern sind speziell konstruiert, damit böse Geister nicht ins Haus gelangen und gegebenenfalls zum Nachbarn umgeleitet werden können. In modernen Hotels fehlte nicht selten die vierte Etage in der Fahrstuhlbeschriftung, da die Zahl 4 böses bedeutet. Für die Zahl 8 auf den Nummernschildern ihrer Autos geben moderne Chinesen Unsummen aus. Eine 8 steht für Glück. Viele achten stehen für viel Glück.

 

Auch war oftmals in Gesprächen und Diskussionen ein tief sitzender Fatalismus zu spüren. Der wurde, wenn darauf angesprochen, mit Beispielen aus der tausendjährigen chinesischen Geschichte und dem Auf und Ab der verschiedenen Epochen begründet. Nach einer guten Zeit kam immer auch wieder eine schlechte. Deshalb soll man jetzt leben, sich etwas leisten und gut essen.

 

Die Frage nach dem Sinn des Lebens hat die meisten Angesprochenen eher überrascht. Die Antworten waren dann auch wenig aussagekräftig und eher abstrakt. Eine Aussage war, ein friedliches Leben von Anfang bis Schluss zu führen. Andere erklärten, dass das ein großes Thema der Philosophie sei mit dem sich zu beschäftigen man noch nicht die Zeit gefunden habe.

 

Neben dem Glück gibt es logischerweise auch das Unglück: Keine Karriere zu machen, arm zu bleiben und krank zu sein oder zu werden. Dazu kommt für den durchschnittlichen Chinesen aber noch ein besonderes Unglück. Die Mehrheit der Menschen, die wir gesprochen haben und denen wir begegnet sind, empfindet es als besonderes Unglück, "das Gesicht zu verlieren". Ein "Gesichtsverlust" heißt den Erwartungen und Normen der Familie oder der Gruppe, zu der man gehört, nicht zu entsprechen oder ihnen nicht zu genügen. Dabei kann man sein "Gesicht verlieren", wenn man bei festlicher Gelegenheit nicht trinkfest ist oder wenn in der Verwandschaft bekannt wird, dass man einen angestrebten wissenschaftlichen Abschluss nicht erreicht hat. Ein Unglück, das wir zum Glück nicht kennen.

 

G.M.

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