5. Weltkongress für Positive Psychologie

Fragen an Judith Mangelsdorf zu ihrer Teilnahme am 5. Weltkongress der IPPA

Du hast im Juli am 5. Weltkongress der Internationalen Gesellschaft für Positive Psychologie, kurz IPPA, teil-genommen. Worin besteht die Zielstellung der IPPA und warum hast Du die weite Reise nach Montreal angetreten?

 

Die International Positive Psychology Association (kurz IPPA) ist die größte Vereinigung von Wissenschaftlern und Anwendern im Bereich der Positiven Psychologie. Alle zwei Jahre richtet die IPPA den World Congress on Posi-tive Psychology (WCPP) aus, der die weltweit größte und renommierteste Veranstaltung des Feldes ist. Da reist man schon mal bis nach Kanada.

 

 

Du wurdest von der IPPA zum Kongress eingeladen und hast einen Vortrag gehalten. Wozu hast Du ge-sprochen?

 

In meiner Forschung beschäftige ich mich damit, wie einschneidende Erlebnisse, wie die Geburt eines Kindes oder aber Traumata zu Persönlichkeitswachstum beitragen und uns zu besseren Menschen machen können. Auf dem Weltkongress habe ich über aktuelle Forschung gesprochen, die ich gemeinsam mit der Max-Planck-Gesellschaft realisiert habe. Dabei ging es um die Frage, wie sich das Gehirn von Müttern verändert, die ihr erstes Kind bekommen. Aus früherer Forschung ist bekannt, dass Menschen nach traumatischen Erlebnissen weniger Volumen der grauen Substanz in einem spezifischen Hirnbereich aufweisen, der in der Stressverarbeitung eine Rolle spielt (dem ventromedialen präfrontalen Cortex). Unsere Forschung hat gezeigt, dass Mütter die einen positiven Copingstil haben, also selbst danach streben über sich hinauszuwachsen und proaktiv mit Herausforderungen umgehen, in genau diesem Hirnareal nach der Geburt ein größeres Volumen vorweisen. Das ist ein sehr interessantes Ergebnis. Denn sollten sich die Ergebnisse in längsschnittlichen Studien replizieren lassen, haben wir eventuell damit eine Möglichkeit gefunden, Patienten mit posttraumatischer Belastungsstörung durch Mittel der Positive Psychologie zu helfen.

 

 

Was waren aus Deiner Sicht die wichtigsten Fragen, die auf dem Kongress diskutiert wurden?

 

Keine leichte Frage bei einem Kongress mit mehr als 1300 Teilnehmern und bis zu 8 parallelen Veranstaltungen zu jedem Zeitpunkt. Wissenschaftlich sind einige spannende neue Aspekte vorgestellt worden, die viel mit dem Zusam-menspiel psychologischer und somatischer Faktoren zu tun haben. Beispielsweise die Frage, wie Gene unser Wohlbefinden beeinflusst und umgekehrt, wie psychische Faktoren epigenetisch wirken. Außerdem ging es zuneh-men um Fragen sozialer Verantwortung. Also beispiels-weise, wie kann die positive Psychologie auch zu den Menschen und in die Krisengebiete der Welt gelangen, die es am meisten brauchen, sich aber am wenigsten leisten können? Außerdem wurden neue Ansätze und Methoden für Coaching, Therapie und den Businesskontext vorge-stellt. Es war also ein sehr vielfältiges Programm.

 

 

Wie haben die Teilnehmer des Kongresses die Zukunft der Positiven Psychologie eingeschätzt? Welche The-men sollen noch stärker als bisher in den Mittelpunkt der PP gestellt werden?

 

Ein Thema, das an vielen Stellen betont wurde, war die Notwendigkeit die Positive Psychologie stärker in den schulischen Kontext einzubringen. Schulsysteme überall auf der Welt fördern Leistung, aber nicht Persönlichkeits-entwicklung. Während es natürlich möglich ist mit den Mitteln der Positiven Psychologie mit Erwachsenen zu arbeiten, ist doch der allgemeine Konsens, dass ein noch wichtigeres Unterfangen wäre, Kinder schon früh mit diesen Themen zu erreichen. Wie viele Lebenswege würden anders verlaufen, wenn Kinder und Jugendliche frühzeitig ihre Stärken, Werte und Ihren Sinn kennen würden? Daher ging es an vielen Stellen um die Frage, wie das Gebiet der Positiven Bildung einen größeren gesellschaftlichen Stellenwert bekommen kann. 

 

 

Welche alten Bekannten hast Du auf dem Kongress getroffen?

 

Einige. Da ich ja in den USA den Master für Positive Psy-chologie gemacht habe, war es sehr interessant, ehema-lige Kollegen, Freunde und Professoren zu treffen, wie zum Beispiel Barbara Fredrickson, James Pawelski und natürlich Marty Seligman.  

Judith mit Professor Seligman im Kongresszentrum

Forum mit Professor M. Seligman auf dem 5. Weltkongress der IPPA

Wie andere Wissenschaftler auch stellte sich Martin Seligman auf einem Forum den Fragen der Teilnehmer des Weltkongresses.

 

Professor Seligman brachte am Beginn seiner Ausfüh-rungen zum Ausdruck, dass er zu denen gehört, die an den menschlichen Fortschritt glauben. Martin Seligman verwies darauf, dass sich seit seiner Geburt viele Dinge in der Welt zum besseren gewendet haben und dass es heute viel weniger Leid in der Welt gibt. Er räumte ein, dass es viele Dinge in der Welt gibt, mit denen man nicht einverstanden sein kann. Wenn man aber etwas ändern will, muss man nach seiner Ansicht auch zu manchen Dingen und Entwicklungen "ja" sagen können.

 

Die an Professor Seligman während des Forums gerichte-ten Fragen folgten keiner Systematik. In seinen Antworten wird aber deutlich, welchen Stand des Denkens er und andere führende Wissenschaftler zu Grundfragen der Positiven Psychologie sich im Verlauf der vergangenen Jahre erarbeitet haben. Hier nur ein kleiner Ausschnitt:

 

Martin Seligman räumt ein, dass er eine unpopuläre Auf-fassung über Harmonie und Lebensbalance hat. Nach seiner Auffassung soll jeder das machen, wofür er sich interessiert und was ihm wichtig ist. Er akzeptiert Harmonie in der Musik, aber nicht im Leben. Professor Seligman ist nach seiner Aussage mit seiner Arbeit verheiratet. Er glaubt, dass er kein guter Liebhaber, aber ein guter Arbei-ter ist. Für jeden Menschen zählen unterschiedliche Dinge im Leben. Dabei geht es nach seiner Auffassung nicht um Balance oder Harmonie, sondern darum, das richtige zu machen, um glücklich zu sein.

 

Eine Reihe von Fragen galten dem Begriff der Hoffnung. Seinen Fragestellern pflichtet  Professor Seligmann bei, dass Hoffnung auch für ihn ein zentraler Begriff ist. Sie steht in Beziehung zur Produktivität am Arbeitsplatz, zur Bekämpfung von  Depression, zur Lebensspanne und vieles mehr. Hoffnung ist ein Dreh- und Angelpunkt im Leben. Hoffnung zählt. Hoffnung zu stärken ist eine wichtige Aufgabe.

 

Gefragt nach dem Zusammenhang von Hoffnung und Kre-ativität, weist Martin Seligman darauf hin, dass dieser Zusammenhang nicht direkt ist. Wer hofft, arbeitet härter. Kreativität bedeutet nach seiner Auffassung viele Ideen über mögliche Wege in der Zukunft zu haben. Es gibt also keine direkte Verbindung, außer die, härter zu arbeiten, die verschiedenen Wege, die die Kreativität eröffnet auch zu gehen. Hoffnung ist nach Prof. Seligman der Treibstoff für menschliches Streben.

 

Ein besonderes Interesse galt dem Verhältnis zwischen Soziologie und Positiver Psychologie. Martin Seligman bestätigt, dass es eine natürliche Brücke zwischen Positiver Psychologie und Soziologie gibt. Am Anfang der Entwicklung der Positiven Psychologie haben er und seine Wissenschagtskollegen viel über positive Erfahrungen, positive Charakterzüge und positive Institutionen gesprochen. Wie er Soziologie versteht, geht es um das Studium von Institutionen. Aus historischen Gründen hat sich Soziologie aber in erster Linie mit negativen Institu-tionen wie Rassismus, Sexismus u.a. auseinandergesetzt. Es gibt aber viele positive Institutionen in der Welt wie Demokratie, Pressefreiheit, starke Familien u.a., die sich den negativen Institutionen in den Weg stellen. Positive Soziologie beschäftigt sich mit den Institutionen, die den Menschen in die Lage versetzen zu wachsen und zu gedeihen. Dazu im Gegensatz stehen die Institutionen, die die Menschen an diesem Prozeß hindern.

 

Professor Seligman erklärte auf eine Frage hin, dass er kein großer Fan von "Grit", der Charaktereigenschaft der absoluten Zielstrebigkeit, ist. Nach seiner Auffassung ist "Grit" zweischneidig. Es betrifft die Leute, die niemals auf-geben. Wir sollten nach seiner Auffassung im Leben aber erkennen, ab wann wir von einer Sache die Finger lassen sollen. Hilflosigkeit und Depression sind eigentlich Zeichen dafür, etwas zu lassen, was man nicht schaffen kann.

 

Alle Fragen und Antworten während des Forums hier zu behandeln, ist nicht zu schaffen. Also folgen auch wir dem Rat von Professor Seligman und beenden den Versuch.

Bleiben Sie immer informiert! Das neuste aus der Welt der Positiven Psychologie: