Macht Demokratie glücklich?

Dr. Bruno S. Frey. Professor für Politische Ökonomie an der Universität Basel, hat zum Zusammenhang von Glück und Demokratie vor einigen Jahren Ländervergleiche aus dem World Values Survey (siehe auch World Happiness Report auf unserer Webseite) herangezogen und zusätzliche Unter-suchungen in der Schweiz gemacht, die diese Interdependenz bestätigen. (Bruno S. Frey und Claudia Frey Marti, Glück – Die Sicht der Ökonomie, Ruegger Verlag, Zürich/Chur, 2010). Professor gilt als einer der Pioniere der ökonomischen Glücksforschung.

 

An der Spitze der Tabelle mit der höchsten Lebenszufriedenheit stehen nach seiner Einschätzung Länder mit einer stabilen Demokratie wie Dänemark, die Schweiz und Island. Analysen von Prof. Frey aus den 1990er Jahren decken sich mit dem World Happiness Report aus dem Jahre 2016. Wer in Ländern mit funktionierenden demokratischen Institutionen lebt, ist mit seinem Leben tendenziell zufriedener als Menschen in Autokratien. Effektive demokratische Institutionen erhöhen in ihrem Wirkungsumfeld das Wohlbefinden der Menschen.

 

Prof. Frey geht aber noch einen Schritt weiter. Er ist zu der Erkenntnis gelangt, dass der Glücks-Effekt dort am nachhaltigsten ist, wo es zu einer direkten Beteiligung der Bürger am demokratischen Prozess kommt. Als Forschungsfeld führt er die Schweiz an, die auf allen Ebenen über direkt-demokratische Mitbestimmsrechte verfügt. Als Ergebnis seiner Untersuchungen kommt er zu dem Schluss, dass die Bürger ihre Lebenszufriedenheit desto höher schätzen, je ausgeprägter die direkt-demokratischen Möglichkeiten für sie sind (ebenda, S. 92).

 

Nun ist die Schweiz weltweit das einzige Land, das über so umfassende direkt-demokratische Mitbestimmungs-rechte verfügt. Das ist schön für die Schweiz, aber ein Hindernis für den internationalen Vergleich empirischer Daten zu der Fragestellung, ob direkte Demokratie auch in anderen Ländern zu einem gesteigerten Glückserlebnis der Menschen führt. Natürlich gibt es auch in anderen europäischen Staaten die Möglichkeit,  Volksentscheide und Referenden zu veranstalten. Beide Formen sind aber kein Königsweg. Im Zeitalter des Internets sind einzelne Gruppen in der Lage, die Meinungsführerschaft über ein Problemfeld zu erobern und notwendige Mehrheiten zu mobilisieren. Ehe sich die Mehrheit der Bevölkerung, die das konkrete Problem nicht direkt berührt und sich damit beschäftigt hat, recht bewusst ist, was da geschehen ist, wurden Tatsachen geschaffen, die längerfristig dann wieder alle betreffen.

 

Nach und nach erinnern wir uns auch in Deutschland an die Ursprünge der Demokratie im Alten Griechenland und denken über die Sinnhaftigkeit nach, dort gemachte positive Erfahrungen vielleicht zu nutzen (Interview mit dem belgischen Autor David Van Reybrouck, Spiegel, Nr. 47/2016). In Athen wurde Demokratie als eine Mischung aus Wahlen und Losverfahren praktiziert. Gewählt wurden Amtsträger wie Militärbefehlshaber oder Gemeindevor-steher. Die Mitglieder vieler anderer Gremien wurden durch Losverfahren ähnlich der amerikanischen Geschwo-renengerichte unter den Bewohnern auf Zeit bestimmt. Diese zeitweiligen Gremien mussten nach intensiver Dis-kussion eine Empfehlung geben, die durch die Verwaltung umgesetzt wurde. Ein Bürger Athens konnte so im Laufe seines Lebens in verschiedene Gremien gelost werden. Demokratie war so eine Praxis der Menschen und nicht Sache einer Schicht von Parteipolitikern, Technokraten  und von "denen da oben".

 

Nun kommt garantiert nicht nur einer daher und wendet ein, dass das vor 2500 Jahren vielleicht funktioniert hat, aber heute angesichts der Komplexität der Probleme undenkbar sei. Beispiele aus Belgien, Holland, Irland und Kanada der vergangenen Jahre belegen aber, wie eben gerade dieses Losverfahren zu Lösungen geführt hat, die dann auch von der Gesamtbevölkerung mitgetragen wurden (David Van Reybrouck, Gegen Wahlen – Warum Abstimmen nicht demokratisch ist, Wallstein Verlag, Göttingen, 2016, S. 122f).

 

Nun hat auch die Stadt Wuppertal auf das Losverfahren zurückgegriffen, um in die Entscheidungsfindung über Sinn und Unsinn einer Seilbahn die Bürger der Stadt soweit als möglich einzubeziehen (Spiegel, Nr. 8/2017). Dazu wurden nach dem Zufallsprinzip 1000 Einwohner ausgewählt, die eine Empfehlung für die Stadtverwaltung erarbeiten sollten. Um die Arbeitsfähigkeit dieser Versammlung zu gewährleisten, wurden Planungszellen gebildet, die sich mit den einzelnen Fachfragen beschäftigen sollten.

 

Im November vergangenen Jahres haben die Mitglieder der Planungszellen ihr Gutachten an den Oberbürger-meister übergeben. Eine deutliche Mehrheit sprach sich für die Seilbahn aus, benannte aber auch offene Fragen, die zu klären sind. Jetzt ist der gewählte Rat der Stadt wieder am Zuge.

 

Eine Beteiligte aus Wuppertal, die zu den Ausgelosten gehörte und aktiv an der Arbeit teilnahm, berichtete anschließend, dass sie durch diese Arbeit "einen Schub bekommen" hat. Dieser Schub war vielleicht auch mit einem gesteigerten Glücksempfinden verbunden.

 

G.M.

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