Glück und Lebenssinn

Emotionale Erfahrungen in Zeiten der Pandemie

 

Nach mehr als einem Jahr in der Pandemie ist es Zeit darüber nachzudenken, wie die Erfahrungen mit Covid-19 die Menschen auf der persönlichen Ebene vielleicht verändert haben. In einer Zeit, in der sich die Welt für viele beinahe auf Zimmergröße reduziert hat, mussten sie nicht selten auch ihre Strategien zur Bewältigung von vielen Problemen verändern. Viele waren in Zeiten des Lockdowns nicht in der Lage den gewohnten Mechanismus der Problemlösung einzusetzen, den sie gewöhnlich in der Zeit vor der Pandemie genutzt haben.

 

Sie standen oftmals vor der Notwendigkeit, einen neuen Weg zu finden, um ihren Stress bezüglich ihrer physischen und ihrer psychischen Gesundheit zu minimieren. Es liegt dabei nahe anzunehmen, dass das Optimum, um mit dem Stress umzugehen, darin besteht, Wege zu finden, während des Lockdowns glücklich zu bleiben. Beim Glücksgefühl geht es bekanntlich nicht nur darum, sich gut zu fühlen.

 

Zahlreiche Untersuchungen haben ja den Nachweis erbracht, dass glückliche Menschen größere Fähigkeiten zur Problembewältigung und Selbstregulierung besitzen. Sie sind beruflich erfolgreicher, haben mehr Freunde und sind sowohl physisch als auch psychisch gesünder als andere Menschen.

 

Nun hat sich in den Monaten von Covid-19 gezeigt, dass hohe Glückserwartungen in Zeiten von hohem Stress selbst zusätzlichen Stress erzeugen können. Es wurde einmal mehr deutlich, dass sich niemand die ganze Zeit glücklich fühlen kann.

 

Der Umgang mit dem Streben nach Glück

 

Recherchen haben offengelegt, dass Verabsolutierung des Strebens nach Glück sogar mit geringerem Wohlbefinden und zunehmenden depressiven Symptomen verbunden sein kann. Wenn wir uns zwingen, Glück zu empfinden und dabei scheitern, kann es passieren, dass wir uns am Ende schlechter als vorher fühlen. Es kann also sein, dass derjenige, der das Glücksgefühl als einziges Ziel seines Lebens betrachtet, seine Glückserwartungen angesichts dieser Forschungsergebnisse überdenken sollte.

 

Starr nach Glücksgefühlen zu streben, kann sich in bestimmten Situationen als negativ auf das Wohlbefinden auswirken. Besonders in Zeiten der Pandemie wurde deutlich, dass wir ein erfülltes Leben nicht mit einem bestimmten emotionalen Zustand, wie beispielsweise ein Glücksgefühl, gleichsetzen können. Zum Leben gehört auch eine Fülle von unangenehmen Momenten, die uns in der Regel keine Freude machen.

 

Solche negativen Lebensereignisse reduzieren zweifellos unser Glücksgefühl. In Zeiten der Krise sind Glücksgefühle ein gewisser Luxus, der nicht so richtig zur konkreten Situation passt. In solchen Zeiten sollten wir einerseits schwierige Emotionen akzeptieren, aber andererseits uns nicht von ihnen überwältigen lassen.

 

In dieser Phase kommt es besonders darauf an, einen Weg zu finden, um unsere inneren Ressourcen, die uns den Weg aus der Krise weisen, aufzufüllen. Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Wenn ein Glücksgefühl außerhalb der Reichweite ist, um ein gutes Leben zu führen, worauf kommt es dann an?

 

Die Bedeutung von Lebenssinn

 

Es zeigt sich, dass der Sinn des Lebens, hier eine Antwort sein kann. Dabei geht es nicht so sehr um eine Kategorie der Philosophie, sondern um den Sinn, den jeder für sein eigenes Leben entwickelt und ausgeprägt hat. So könnte man sehr vereinfacht sagen, dass das Glücksgefühl in guten Zeiten stärker in den Vordergrund rückt. In Zeiten voller Schwierigkeiten ist es dann der Lebenssinn, der sich als unsere Richtschnur empfiehlt.

 

Bestimmte Umstände können den Raum einengen, um Glücksgefühle entstehen zu lassen. In diesen Zeiten auf einen ausgeprägten Lebenssinn zurückgreifen zu können, kann uns entscheidend helfen, Krisen und Schwierigkeiten zu überwinden. Lebenssinn strukturiert unser Leben. Aus der Perspektive eines sinnvollen Lebens ist nicht entscheidend, ob wir uns die ganze Zeit glücklich fühlen, sondern dass wir fühlen, dass unser Leben lohnenswert ist.

 

In Zeiten der Pandemie hat sicher mancher erkannt, dass Glücksgefühle nicht die einzigen und vielleicht nicht die wichtigsten Bestandteile für ein erfülltes Leben sind. Neben diesen Gefühlen gibt es andere Dinge, die das Leben ausmachen. Gefühle des Glücks vergehen oftmals schnell. Dazu im Gegensatz ist Lebenssinn relativ stabil. Sicher ist es nicht immer einfach, Sinn in unseren vielen Auseinandersetzungen mit der Welt, die uns umgibt, zu finden. Aber wenn wir ihn gefunden und für uns benannt haben, eröffnet er vielfältige Möglichkeiten und Perspektiven für unser Leben.

 

Wenn sich uns die Glücksgefühle gegenwärtig aus Gründen entziehen, die wir nicht kontrollieren und groß beeinflussen können, ist ein Rat, etwas Seelenforschung zu betreiben und herauszufinden, was am meisten für mich zählt und warum. Dazu gehört auch, nach Wegen zu suchen, wie man die eigenen Werte und Stärken im täglichen Leben am wirkungsvollsten praktizieren kann.

 

Wenn unser Kompass der Lebenssinn ist, erscheint es weniger wahrscheinlich, dass wir enttäuscht werden, wenn wir unsere langfristigen Lebensziele verfolgen und sie erreichen. Das muss aber nicht heißen, auf das Streben nach Glück und Glücksgefühlen zu verzichten. Es geht um die richtige Balance und um das Wissen, dass sich Emotionen und Fragen nach dem Lebenssinn gegenseitig bedingen und aufeinander wirken.

 

Quelle:

https://www.mappmagazine.com/articles/letter-from-the-editor-what-is-the-future-of-happiness

 

G.M.

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