Hedonistisches oder eudämonisches Wohlbefinden?

Professor Cole wirft in seinem Vortrag die Frage auf, welches Leben am besten dem Genom entspricht, über das wir verfügen.

 

Er betont die neue Erkenntnis, dass hedonistisches und eudämonisches Wohlbefinden trotz ihrer ähnlichen Wirkungen auf unser Fühlen unterschiedliche Programme der Gen-Regulierung aktivieren. Das führt zu dem Schluss, dass das menschliche Genom sensibler als unsere bewusste Wahrnehmung auf qualitative Variationen des Wohlbefindens reagiert.

 

Philosophen haben schon seit Jahrhunderten zwei Formen des Wohlbefindens unterschieden. Das ist einmal das hedonistische Glücksgefühl, das die Summe der individuellen positiven affektiven Erfahrungen einschließt. Die zweite Variante erfasst die tiefere "eudämonische" Form, die aus dem Streben nach Sinn und einem höheren Zweck, der über die einfache Selbstbefriedigung hinausgeht, resultiert.

 

Beide Dimensionen des Wohlbefindens sind nach Steve Cole tief in der menschlichen Biologie eingeschlossen. Dabei wird angenommen, dass das hedonistische Wohlbefinden grundlegende psychologische Anpassungen motiviert. Bezüglich des eudämonischen Wohlbefindens wird vermutet, dass es mehr komplexere soziale und kulturelle Kapazitäten anregt. Obgleich hedonistische und eudämonisches Wohlbefinden konzeptionell unterschieden werden, sind sie empirisch miteinander verbunden und können sich gegenseitig beeinflussen.

 

Daher ist es von Seiten der beobachtenden Epidemiologie schwierig zu unterscheiden, welche der beiden Formen des menschlichen Wohlbefindens direkter mit der physischen Gesundheit und Langlebigkeit verbunden ist. Es war in der Vergangenheit auch schwierig zu befinden, ob hedonistisches oder eudämonisches Wohlbefinden ähnliche biologische Prozesse auslöst oder ob sie unterschiedliche physiologische Konsequenzen haben.

 

In den aktuellen Studien von Steve Cole und seinem Team wurden die biologischen Implikationen von hedonistischen und eudämonischen Wohlbefinden durch die Linse des menschlichen Genoms betrachtet. Dabei handelt es sich um ein System von etwa 21000 Genen, die fundamental daran beteiligt sind, was Menschen hilft zu überleben und zu gedeihen. Jüngste Studien haben gezeigt, dass zirkulierende Immunzellen eine Verschiebung im grundlegenden Profil ihrer Gen-Expression zeigen, wenn die Probanten längeren Perioden von Stress, Bedrohung und Unsicherheit ausgesetzt waren. Diese konservierte transkripierte Antwort auf eine Wiedrigkeit (CTRA – conserved transcriptional response to adversity) ist durch eine vermehrte Expression von proentzündlichen Genen und eine verminderte Expression von antiviralen und antikörperverwandten Genen gekennzeichnet.

 

Das CTRA-Transkriptionsprogramm ist wahrscheinlich entstanden, um das Immunsystem dabei zu unterstützen, sich ändernden Formen mikrobischer Bedrohungen, die durch sich ändernde Umweltbedingungen hervorgerufen wurden, zu kontern.

 

In der sehr unterschiedlichen Umgebung der aktuellen menschlichen Gesellschaft kann eine chronische CTRA-Aktivierung  durch soziale oder symbolische Bedrohungen dazu führen, dass durch Entzündung ausgelöste Herz-Kreislauf-Störungen sowie neurodegenerative und neoplastische Erkrankungen gefördert werden. Aktuelle Analysen nutzen das Profil der CTRA-Gen-Expression als vieldimensionalen molekularen Referenzraum, in dem die potentiellen unterschiedlichen biologischen Effekte von hedonistischen und eudäomonischem Wohlbefinden erfasst werden können.

 

Hedonistisches und eudämonisches Wohlbefinden wurden ursprünglich unterschieden, um die philosophische Frage zu beantworten, was der beste Weg für das Leben des Menschen ist. Die aktuellen Daten geben keinen Grund dafür, die eine Form der anderen vorzuziehen, wenn man von der gefühlsbetonten Erfahrung ausgeht. Wenn man sich aber in den Bereich der molekularen Physiologie begibt, konstrastieren beide Formen sehr stark. Wenn "das gute Leben" ein langes und gesundes Leben frei von allostatischer Last eines chronisches Stresses, Bedrohung und Unsicherheit meint, liefert die CTRA-Gen-Expression einen negative Referenzpunkt dafür, wie man nicht leben sollte. Wenn man danach fragt, welcher Typ von Wohlbefinden dieser molekularen Antipode begegnet, dann ist das aus der Perspektive des Genoms das eudämonische Wohlbefinden.

 

G.M.

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