Jede Gruppe zählt - Positive Psychologie und ethnische Vielfalt

Die Positive Psychologie hat besonders seit Beginn dieses Jahrhunderts in den USA und anderen westlichen Ländern einen spürbaren Aufschwung erlebt. Das findet u.a. seinen Ausdruck darin, dass die Forschung auf diesem Gebiet der und die praktische Anwendung von Interventionen der Positiven Psychologie auf den unterschiedlichen Gebieten von Jahr zu Jahr zugenommen hat.

 

Wie auch die jüngsten Ereignisse in den USA, aber auch in Westeuropa, im Zusammenhang mit rassistischer Gewalt zeigen, hat die Positive Psychologie offensichtlich zwei dringenden Herausforderungen noch nicht die erforderliche Aufmerksamkeit geschenkt.

 

Im Allgemeinen nimmt die Positive Psychologie eine generalisierende Sicht auf das menschliche Verhalten ein. Dabei wurde Unterschiedlichkeiten in der ethischen Herkunft einzelner Gruppen nur eine geringe Bedeutung beigemessen. Auch fehlen weiterhin in diesem Zusammenhang entsprechende Interventionen, die kulturell sensitiv und bedeutungsvoll für die verschiedenen Gruppen sind.

 

Die große Mehrheit der Erkenntnisse und Interventionen der Positiven Psychologie der vergangenen Jahrzehnte beruht auf Erhebungen von Versuchsgruppen (oftmals Studenten und Studentinnen amerikanischer Unis), die westlich, gebildet, aus einem industriellen Umfeld stammend, wohlhabend und demokratisch eingestellt sind. Die englische Abkürzung dafür ist WEIRD.

 

Nun haben zahlreiche neuere Untersuchungen aber gezeigt, dass Erhebungen mit Personen der WEIRD-Gruppierung oft von denen der Nicht-WEIRD-Gruppe abweichen. Hier seien schlaglichtartig nur drei Beispiele zur Verdeutlichung genannt.

 

Das betrifft u.a. das unterschiedliche Niveau des Selbstwertgefühls bei diesen beiden Zuordnungen. Bei der von westlichen Werten geprägten Gruppe ist dieses Selbstwertgefühl, das maßgeblich zum Wohlbefinden beitragen kann, wesentlich stärker ausgeprägt als beispielsweise bei Asiaten. Diese fühlen sich nach der vorhandenen Datenlage eher wohl, wenn sie sich zurückhalten können und nicht unbedingt im Mittelpunkt stehen müssen.

 

Untersuchungen unter amerikanischen Ureinwohnern haben darüber hinaus gezeigt, dass sie nicht unbedingt positive Emotionen erleben müssen, um das Gefühl eines guten Lebens zu haben.

 

Ein weiteres Gebiet umfasst den Bereich der emotionalen Intelligenz. Personen mit hoher emotionaler Intelligenz haben eine gute Voraussetzung, auch glücklich und erfolgreich zu sein. Verschiedene Trainingsprogramme zur Stärkung der emotionalen Intelligenz wurden dazu in den USA und anderen westlichen Ländern entwickelt und auch nach Asien, Lateinamerika und Afrika exportiert. Die Crux ist nur, dass in diesen Ländern die vorhandene Datenlage keinen Mangel an emotionaler Intelligenz unter den Menschen anzeigt. Hier wird der Eindruck erweckt, dass es darum geht, die Menschen auf anderen Erdteilen so „glücklich zu machen, wie wir es sind“.

 

Die Beispiele sollen illustrieren, dass es viel mehr darum gehen muss, nützliche Bewertungsinstrumente zu entwickeln, die Wissenschaftler und Praktiker in die Lage versetzen, ethnische und kulturell-differenzierte Modelle der Positiven Psychologie für diverse Gruppen zu entwickeln und anzuwenden.

 

Das betrifft nicht zuletzt auch die Modelle der Positiven Psychologie für Afroamerikaner in Nordamerika und Afrikaner in Europa. Nach Einschätzung verschiedener Wissenschaftler sind die bisherigen Modelle oftmals ahistorisch und ohne genügende Berücksichtigung von entsprechenden kulturellen Zusammenhängen.

 

Die Zuspitzung der Konflikte im Gefolge des gewaltsamen Todes von George Floyd hat gezeigt, dass auch Antworten gebraucht werden, die nicht nur die Beseitigung von Missständen in der Polizei oder die Verbesserung der ökonomischen und sozialen Lage vieler Afroamerikaner thematisieren, sondern zusätzlich das psychologische Verständnis für die farbige Bevölkerung verbessern.

 

Das gilt in gewissem Maße auch für die Bundesrepublik, wo sich Menschen mit schwarzer Hautfarbe auch heute noch wie Menschen von einem anderen Stern fühlen.

 

Die Positive Psychologie ist aktuell mehr denn je gefordert, die verschiedenen ethnischen Gruppen auf der Welt und ihre Unterschiede in den Blick zu nehmen, um einen Beitrag für ein friedliches Zusammenleben zu leisten und auch diese Menschen in die Lage zu versetzen, Glück zu empfinden, wenn sie es denn möchten.

 

Quelle:

 

https://www.apa.org/pubs/books/Positive-Psychology-in-Racial-and-Ethnic-Groups-Chapter-1-Sample.pdf

 

Neue Zürcher Zeitung vom 10.6.2020, „Afrikaner fühlen sich wie ‚Ausserirdische‘ in Deutschland“

 

G.M.

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