Stärken im pädagogischen Bereich

Christopher Peterson und Martin Seligmann (2004) kon-zentrierten sich auf die Frage: Ist es möglich, Menschen nicht in erster Linie über ihre Schwächen, sondern viel-mehr über ihre Stärken zu definieren? In einer groß ange-legten Studie identifizierten sie 24 universelle menschliche Charakterstärken und fassten diese zu 6 allgemeinen menschlichen Tugenden zusammen, wie sie über die Zeit und Kulturen hinweg allgemein hoch geachtet werden.  Zur individuellen Erfassung der 24 Charakterstärken entwik-kelten Sie den VIA - (Values in Action) Fragebogen. Dieser ist über die Seite www.charakterstaerken.org in deutscher Sprache online und kostenlos verfügbar. In meiner Arbeit als Lehrende und Coach für Fachkräfte in pädagogischen und psychosozialen Arbeitsfeldern nutze ich den Stärken-ansatz des VIA in unterschiedlichen Kontexten. Hier drei Beispiele:

 

1. Im Rahmen der beruflichen Qualifikation von päda-gogischen Fachkräften 

 

Eine grundsätzliche Ressourcenorientierung hat in der Ausbildung von Erzieher/innen und anderen Fachkräften im psychosozialen Bereich inzwischen eine gewisse Selbstverständlichkeit erlangt. Allerdings ist die Perspekti-ve dabei in der Regel vorrangig auf die Klient/innen gerichtet. Über die Arbeit am VIA entsteht ein hervorra-gender Zugang zu den eigenen Charakterstärken und es entsteht so mancher Aha-Effekt bei der Erkundung der eigenen Signaturstärken, der sich wiederum direkt aus-wirkt auf die Perspektive auf und die Arbeit mit den Klient/innen. 

 

Im Rahmen der berufsbegleitenden Ausbildungen von Erzieher/innen und Heilpädagog/innen besteht die Mög-lichkeit, diese Signaturstärken über einen längeren Zeit-raum auf vielfältige Weise zu erkunden. Die Resultate des Fragebogens werden evaluiert über den sogenannten Wünschelrutentest, bei dem die Person über Bodenanker überprüft, welche der 24 Charakterstärken sich für sie tat-sächlich anfühlen und wahrgenommen werden wie eine Signaturstärke, so etwa Identikation („das bin wirklich ich“), Belebung statt Erschöpfung und intrinsische Motivation bei der Ausübung der Stärke. Somit werden in der Zusam-menschau von VIA-Testergebnis und Wünschelrutentest diejenigen 3-7 Signaturstärken ermittelt, mit denen die Per-son sich tatsächlich voll identifizieren kann. 

 

Im nächsten Schritt wird überprüft, wie weit die Person diese Stärken in ihrem beruflichen Alltag bereits nutzen kann. Eine weitere Einheit befasst sich mit dem Modulie-ren von Stärken, um Über- und Unternutzung zu regulie-ren. Denn auch eine Übernutzung von Stärken ist nicht sinnvoll, man denke zum Beispiel an Tapferkeit oder Bescheidenheit, die bei zu intensivem Einsatz leicht zur Überlastung beitragen können. 

 

Eine weitere Einheit befasst sich mit verschiedenen Mög-lichkeiten, den Stärkenansatz, ausgehend von der eigenen Erfahrung, auch bei Klient/innen anzuwenden, für die auf-grund ihres Alters oder einer kognitiven Beeinträchtigung der VIA nicht geeignet ist. Hier werden verschiedene An-sätze vorgestellt und Ideen für die praktische Anwendung entwickelt, z.B. ausgehend von systematischen Beobach- tungen Kindern in der Kindertagesstätte einen Brief zum Thema „Du in Deinem Element“ zu schreiben, ihm diesen Brief zu einem geeigneten Zeitpunkt (z.B. im Rahmen seiner Geburtstagsfeier) vorzulesen und die Stärken-perspektive mit genau so konkreten Beschreibungen in Elterngespräche einfliessen zu lassen. 

 

2. Im Rahmen von Teamentwicklungsprozessen

 

Im Rahmen eines Teamentwicklungsprozesses konnte ich mit verschiedenen Teams aus Kindertagesstätten jeweils für einen Tag zum Thema „Stärken stärken“ arbeiten. Diese Seminareinheiten sind eingebettet in einen umfas- senderen Prozess der Personalentwicklung und fachlichen Qualifikation und es besteht die Möglichkeit, aufkommende Themen in weiteren Einheiten gezielt zu bearbeiten.

Nach der individuellen Bestimmung der Signaturstärken aller Teammitglieder durch  VIA und Wünschelrutentest und dem Blick auf die Nutzungsintensität der Stärken richtet sich der Blick hier auch auf das Stärkeorchester des Teams: 

 

Welche Signaturstärken sind wie stark vertreten, welche fehlen wohlmöglich vollständig? 

Wie werden die Signaturstärken in der konkreten Zusam-menarbeit bereits genutzt und wo gibt es Ausbaupotenti-ale? 

Wo ergeben sich aus dem Stärkenorchester Themen, die einer Verabredung bedürfen, wenn z.B. die Signaturstärke Authentizität bei fast allen Teammitgliedern vorhanden ist und die Kommunikation dadurch stark geprägt wird, es aber zuweilen an Achtsamkeit im Beachten der Rollen mangelt und z.B. Konflikte vor den Augen der Eltern besprochen werden? Über den Blick auf das Stärken-orchester kann eine konstruktive und respektvolle Per-spektive auf die Eigenheiten aller Beteiligten entstehen. Dies bietet eine gute Basis, um tragfähige Vereinbarungen zu treffen und pädagogische  Konzepte zu entwickeln, die von allen Beteiligten mitgetragen werden können. 

 

3. Im Rahmen von Leitungscoachings

 

Die Leitung einer großen Kindertagesstätte und ihre Stellvertreterin kamen mit dem Anliegen zum Coaching, ihre Zusammenarbeit als Leitungsteam zu klären, sowie die Kommunikation und die Zusammenarbeit im Team effektiver zu gestalten. Der Blick auf die Signaturstärken half dabei, die Zusammenarbeit so zu gestalten  das beide ihre Signaturstärken voll einsetzen können. Die dadurch auf der Leitungsebene  entstandene Klarheit führte in der Folge zu klarerer Kommunikation nach innen und außen. Schon beim dritten Termin konnten die beiden beim Rückblick auf das Kindergartenjahr über zahlreiche positive Projekte, Kooperationen und Verbesserungen in der internen und externen Zusammenarbeit berichten. 

 

Insgesamt erhalte ich immer wieder das Feedback, dass die Arbeit mit dem Stärkenansatz und insbesondere dem VIA von Menschen aus den psychosozialen Arbeitsfeldern als außerordentlich klärend, stärkend und bereichernd erlebt wird. Der Stärkenansatz eröffnet neue, oft unge-wohnte Perspektiven auf das eigene Persönlichkeitsprofil und macht bisher  ungenutzte Potentiale zugänglich. Somit entstehen Antworten auf die Frage, wie Fachkräfte in die-sen herausfordernden Arbeitsfeldern nicht nur besser vor Burnout geschützt sind, sondern wirklich aufblühen in ihrer Arbeit und damit auch ihre Klient/innen bereichern.

 

Michaela Wegener, Dipl.Psychologin, 

(Beitrag auf der Summit 2016 der DGPP)

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