Virtues First! Oder: Wie zeitgemäß sind Tugenden heute?

Der Europäische Kongress der Positiven Psychologie in Angers/Frankreich, die Seligman-Tour zwischen Hamburg und Wien und nicht zuletzt der Summit des PPC in Berlin haben es deutlich gemacht: Das Spektrum dieses Wissen-schaftsfeldes wird immer breiter und spezialisierter.

 

Das hat zweifellos eine gute Seite, da sich die erfolgreiche Anwendung der Positiven Psychologie auf immer mehr Lebensbereiche erstreckt und eine nachhaltige Wirkung erzielt: Sie beginnt bei der Beschäftigung mit den Kindern aller Altersstufen, umfasst viele Felder der Arbeitswelt und reicht bis zu einem erfüllten Leben im Alter. Das ist gut so. Denn nur so wird diese Lebensanschauung fest in der täglichen Praxis verankert. Aber vielleicht kann die Positive Psychologie noch mehr?

 

Vielleicht kann sie gesellschaftliche Veränderungen anregen und anschieben und so zu einer gesellschaft-lichen Bewegung werden? Was solche Bewegungen in Gang setzen können wird am Beispiel der Friedensbewe-gung der Vergangenheit und der Umweltbewegung der Gegenwart deutlich. Warum soll es eigentlich keine Bewe-gung für die Verteidigung und die Stärkung der Tugenden in einer Zeit geben, wo unterschiedliche Gruppen zwisch-en London, Berlin und Washington solche weltweit aner-kannten Tugenden wie Humanität, Gerechtigkeit und Be-sonnenheit komplett in Frage stellen und zu Unmensch-lichkeit, Rassismus und Hass auf andere aufrufen?

 

Wenn ganze Völker verunglimpft, Flüchtlinge zu Menschen zweiter oder dritter Klasse gestempelt und engagierte Bür-ger in aller Öffentlichkeit bedroht werden, dann geht es hier nicht in erster Linie um unterschiedliche politische Ansichten, sondern um die Infragestellung von Tugenden, die unser menschliches Zusammenleben erst ermöglichen. Dabei handelt es sich, wie die Positive Psychologie über-zeugend nachgewiesen hat, nicht in erster Linie um die sogenannten westlichen Werte der europäischen Aufklä-rung, sondern um Tugenden, die so alt wie die Menschheit sind und heute auf allen Kontinenten Anerkennung finden.

 

Hier kann die Positive Psychologie sehr konkret und auf einer breiten empirischen Basis Stellung beziehen. Sie ist berufen, den Begriff der Tugend von abwertenden sowie negativen  Konnotationen vergangener Jahrhunderte zu befreien und mit neuen Leben zu erfüllen. Die Positive Psychologie  kann mit der ganzen fachlichen Kompetenz ihrer vielen Experten auf allen Kontinenten eine Welle anschieben helfen, die vielleicht in naher Zukunft eine Bewegung der Förderung  der Tugenden wird. Das Motto könnte "Virtues first" /"Tugenden zuerst" heißen. Das be-kannte Victory-Zeichen kann als Erkennungszeichen her-angezogen werden, um zu verdeutlichen und zu erklären, dass es nicht darum geht, dass der eine den anderen be-siegt, sondern dass die Grundlagen für ein friedliches Mit- und Nebeneinander der Menschen verteidigt und gefestigt werden sollen.

 

Eine solche Focussierung der Positiven Psychologie wür-de ihre gesellschaftliche Relevanz erhöhen und ihr Aner-kennung auf gesellschaftlichen Feldern verschaffen, wo sie diese heute noch nicht hat. Damit werden Bereiche wie Positive Aging, Positive Coaching, Positive Education etc. nicht in Frage gestellt. Sie haben ihre ureigene Berech-tigung und die genannten Tugenden gehören zu ihren zentralen Inhalten. Alle diese Gebiete können von einer allgemeinen Erhöhung der Bekanntheit, der Relevanz und Akzeptanz der Positiven Psychologie nur profitieren.

 

Mit "Virtues first" besetzt die Positive Psychologie ein The-ma, das zentraler Gegenstand ihrer Forschung ist und das alle Altersgruppen, alle Berufe und soziale Schichten auf allen Erdteilen erreicht und vereint.

 

Kritiker könnten einwenden, dass mit einer solchen Bewe-gung zur Verteidigung der menschlichen Tugenden nicht die materiellen Grundlagen für Ungerechtigkeit und Un-menschlichkeit auf der Welt benannt und in den Mittel-punkt gestellt werden. Ihnen muss man antworten, dass die Positive Psychologie das weder leisten kann und noch will, um ihren wissenschaftlichen Anspruch nicht zur Dis-position zu stellen. Oder man kann entgegnen, dass Friedens- und Umweltbewegung, ohne die materiellen Grundlagen von Krieg und Umweltzerstörung zu besei-tigen, wahrscheinlich dazu beigetragen haben, dass es die Menschheit in ihrer heutigen Lebenswelt noch gibt.

 

G.M.