Wohlbefinden richtig messen

Menschliches Wohlbefinden zu verstehen, ist ein wichtiges Ziel der psychologischen Wissenschaft. Dafür gibt es gute Gründe. Die meisten Menschen wollen sich gut fühlen und frei von Krankheiten sein. Forscher streben danach, die psychologischen und biologischen und Faktoren zu verstehen, die beeinflussen, ob eine Person ein hohes Wohlempfinden empfindet.

 

Wohlbefinden ist zentral für das menschliche Verhalten. Unsere täglichen Entscheidungen hängen stark von der Vorstellung ab, wie unser Wohlbefinden und das von anderen in der Zukunft sein wird.

 

Daher ist das Wohlbefinden und Glück zunehmend Ziel von psychologischen Interventionen. Sie sollen zentrale Fragen klären. Was wirkt am besten für wen, unter welchen Umständen und wie? Ohne klar zu wissen, was die Antwort auf diese Fragen ausmacht, ist es schwierig, Wohlbefinden zu erhöhen.

 

Ein Hindernis, um besser zu verstehen, was Wohlbefinden nun tatsächlich ist, bildet die Fülle von Konzepten und Ideen dazu. Klinische Psychologen konzentrieren sich dabei auf Krankheiten, Störungen und Fehlfunktionen. Personen ohne solche Störungen wird ein hohes Wohlbefinden konzediert. Solchen mit psychologischen Störungen wird das Wohlbefinden dagegen abgesprochen.

 

Wohlbefinden und Notlage erscheinen als die beiden gegenüberliegenden Pole des gleichen Kontinuums. In 

Anerkennung der Notwendigkeit, empirisch Wohlbefinden von psychischen Leiden zu unterscheiden, hat Dr. Ed Diener ein spezielles Modell von subjektiven Wohlbefinden (SWB) entwickelt. Es zeigt, dass positive und negative Affekte relativ unabhängig voneinander auftreten. So war die Entwicklung neuer Konzepte zum Glück möglich.

 

SWB schließt nicht nur positive und negative Affekte ein. Es betrachtet auch kognitive Einschätzungen der Lebensqualität und erfasst auch solche spezifischen Bereiche wie Zufriedenheit mit der Arbeit, Familienumfeld, Freundschaften und Freizeitgestaltung. Hinzu kommt die Berücksichtigung des zeitlichen Rahmens; also ob etwas in der Vergangenheit liegt, die Gegenwart betrifft oder zur Zukunft gehört. Diese drei Komponenten aus positiven und negativen Affekten sowie Lebenszufriedenheit bilden das SWB-Modell. Mit seinem steuerbaren Modell und entsprechenden Maßnahmen der Selbstauskunft legte Professor Ed Diener den Grundstock für das empirische Studium des Wohlbefindens. Was gemessen wird zählt und die Wissenschaft des Wohlbefindens konnte abheben.

 

Nichtsdestotrotz hat das SWB-Modell von Philosophen und Psychologen Kritik auf sich gezogen. Sie beanstandeten zu Recht, dass das Modell wesentliche Seiten des Wohlbefindens nicht erfassen würde. Wissenschaftler legten daraufhin im Laufe der Jahre Unmengen von neuen Modellen und Konstruktionen vor. 2016 mussten sich Forscher, Therapeuten und Coaches zwischen 99 veröffentlichten Messsystemen der Selbstauskunft zum Wohlbefinden mit 196 unterschiedlichen Komponenten entscheiden.

 

Mit nunmehr über 99 Messformaten zum Wohlbefinden ist das diesbezügliche Studium zu einer unübersichtlichen und schwierigen Aufgabe geworden. Es stellen sich daher einige grundsätzliche Fragen: Welches sind nun die besten Messverfahren? Welches Modell wird am besten der Realität gerecht? Welches Format soll man für bestimmte Forschungsausgaben nutzen?

 

Um zu definieren und zu modellieren was Wohlbefinden umfasst, ist es zentral zu bestimmen, was es nicht ist. Unglücklicherweise sind in der Vergangenheit oftmals die gleichen Formate benutzt worden, um Wohlbefinden sowohl vorauszusagen als auch zu messen. Das Resultat war dann eine sich oftmals widersprechende Sammlung von Daten über Komponenten, Ursachen, Korrelationen und Konsequenzen von Wohlbefinden.

 

Um dieses Problem zu lösen, wurde die Entwicklung eines hierarchischen Rahmenmodells in Angriff genommen, das existierende Modelle in einer straffen Art organisiert. Es stellt Wohlbefinden als ein einziges, überspannendes Konstrukt an die Spitze der Hierarchie. Darunter werden niedere Ebenen mit unterschiedlichen Komponenten gruppiert.

 

Mit so einem hierarchischen Modell des Wohlbefindens müssen Forscher und Anwender nicht zwischen einer höheren oder niederen Ordnung von Wohlbefinden wählen. Sie können sich sowohl mit dem allgemeinen Wohlbefinden als auch mit Komponenten niedrigerer Ordnung, die für eine gegebene Situation, Gruppe oder Forschungsaufgabe relevant sind, befassen und diese messen.

 

Dieses Modell setzt wie oben gesagt voraus, dass das Gebiet hierarchisch strukturiert ist. An der Spitze steht als ein Einzelfaktor ein generelles Wohlbefinden. Es fasst niedrigere Ebenen mit zunehmender Spezifität zusammen. Dabei ist generelles Wohlbefinden als wahrgenommene Freude und Erfüllung des Lebens einer Person als Ganzes definiert. Die Struktur dieser Definition erfordert, dass das Wohlbefinden subjektiv ist, über eine Person etwas aussagt, ihre Lebensgeschichte einbezieht und affektive sowie nichtaffektive Komponenten einschließt.

 

Dabei sind sich die Autoren dieses Modells seit langem bewusst, dass es unwahrscheinlich ist, dass die unterschiedlichen Forscher über eine präzise Definition von Wohlbefinden Einigkeit erzielen werden. Sie hoffen aber, dass es eine breitere Übereinstimmung über die Charakteristika gibt, wenn dieses Modell den einzelnen Betrachtungen und Untersuchungen zu Grunde gelegt wird.

 

Unter dem generellen Dach des Wohlbefindens entwickelt das Modell vier verschieden Ebenen. Die erste Ebene wird als lenses bezeichnet. Sie beschreibt die unterschiedlichen Perspektiven von denen aus auf Wohlbefinden geschaut wird. Eine zweite Ebene bilden die contents. Hierbei handelt es sich um homogene Bereiche innerhalb einer solchen Sichtweise. Die Ebene der characteristics definiert die Komponenten des Wohlbefindens, die einen praktischen Nutzen offerieren, wenn man die menschliche Erfahrung heranzieht. Eine vierte Ebene betrachtet contexts, die in besonderen Situationen entstehen.

 

Natürlich entsteht bei einem hierarchischen Aufbau die Frage, welche Komponenten fallen unter diesen Schirm und welche nicht. Die Autoren dieses Konzepts offerieren eine pragmatische Lösung. Diese erfordert, Wohlbefinden mit Konstruktionen zu definieren und zu messen, die frei von besonderen Kontexten sind. Dieses Modell lässt offen, was zu Wohlbefinden führt bzw. ein solches verursacht. Das Herangehen ist frei von allgemeinen Inhalten. 

 

Wohlbefinden ist persönlich und der Definition nach subjektiv. Menschen unterscheiden sich darin, welche Werte sie haben, wonach sie streben und woraus sie Sinn schöpfen. Jeder von uns verfügt über Ideen und einen Glaubenskomplex zum Wohlbefinden, der in unseren persönlichen Erfahrungen, Werten und kulturellem Umfeld verankert ist.

 

Anders als Bestandteile von Wohlbefinden einfach auszuwählen und zur Diskussion zu stellen, besteht ein weniger willkürlicher Weg darin, Wohlbefinden mit Maßstäben zu messen, die unabhängig von im Voraus angenommenen Gründen sind. In einem Modell des Wohlbefindens mit Messmethoden, die keine Inhalte vorgeben, überflügeln individuelle Unterschiede persönliche Präferenzen. Mit diesem Rahmen wird eine Möglichkeit geschaffen, mit weniger Voreingenommenheit, größerer Transparenz und klarerer Herangehensweise die Beantwortung der Frage zu ermöglichen, was funktioniert, für wen und unter welchen Umständen.

 

Quelle:

https://www.psychologytoday.com/intl/blog/curious/202009/99-measures-well-being-how-do-you-choose

 

G.M.

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