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Positive Psychologie in Zeiten von Krieg und Leid

Aktualisiert: 27. Apr. 2022


Optimismus und Hoffnung wenn man negative Gefühle hat

Aktuell tobt der Krieg in der Ukraine im Gefolge der russischen Aggression und hunderttausende, ja Millionen Menschen sind gezwungen, ihr Heimatland zu verlassen und Schutz im Ausland zu suchen. Sie treffen hier in allen westlichen Nachbarländern auf ein großes Maß von Hilfsbereitschaft und Unterstützung. Die Flüchtlinge haben nicht selten viel Leid erlitten und sind oftmals von den Kriegsereignissen traumatisiert.

Dazu muss man wissen, dass die Traumatisierungen im Gefolge des Krieges mit der Zerstörung fundamentaler Grundannahmen über die Welt verbunden sind. Wo man gestern in völliger Sicherheit gelebt und gearbeitet hat, schlagen nun Raketen und Bomben ein. Wo die Menschen bis vor Jahren regelmäßig Urlaub gemacht haben, ist nun Feindesland. Solche Traumata zu heilen, bedarf oft professioneller Hilfe. Bei Millionen Flüchtlingen ist das aber kurz- und mittelfristig eine schier unlösbare Aufgabe.

Was können wir trotzdem in dieser Situation also tun, um uns nicht selbst vom Leid der Geflüchteten überwältigen zu lassen und ihnen zu helfen, ihre Traumata Schritt für Schritt hinter sich zu lassen?

Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen der Positive Psychologie haben hierfür spezielle Bewältigungsstrategien (Coping Strategien) erforscht, die hier besonders hilfreich sein können.

 

1. Problemfokussiertes Coping – Lösungswege finden

An erster Stelle ist hier das problemfokussierte Coping zu nennen. Hier geht es um alle Handlungen, die ich unternehme, um mit der Situation konkret umzugehen. Ich melde mich beispielsweise für einen Hilfsgütertransport, unterstütze die Registrierung von Flüchtlingen oder spende Geld bzw. Sachen.


2. Emotionsfokussiertes Coping – Emotionen bewältigen um handlungsfähig zu werden

Der zweite Stil ist das emotionsfokussierte Coping. Er ist auf das Überwinden von Ängsten, Sorgen und anderen negativen Gefühlen gerichtet, um wieder klarer denken und besser Handeln zu können. Dazu helfen u.a. Bewegung und das Teilen der eigenen Gedanken mit anderen.


3. Soziales Coping – Sich gemeinsam den Herausforderungen stellen

An dritter Stelle sei das soziale Coping genannt. Im Mittelpunkt steht hier die Hilfe in der Familie, im Freundeskreis oder auch von Profis. Es ist hilfreich, Mitwissende zu haben, die meine Gefühle kennen, sich gemeinsam für die Beendigung der Aggression und für Flüchtlinge engagieren oder aber professionelle Hilfe zu suchen, um sich selbst in der Not begleiten zu lassen.


4. Bedeutungsfokussiertes Coping – Dem Sinnlosen einen Sinn abringen

An letzter Stelle wäre das bedeutungsfokussierte Coping zu nennen. Hier geht es darum, die eigenen Erlebnisse in einen größeren Bedeutungsrahmen zu stellen. Man schaut zum Beispiel, wie man die Dinge noch betrachten kann. Bietet der gegenwärtige Krieg vielleicht die Chance, eine stabilere europäische Friedensordnung zu schaffen als bisher? Die aktuelle Situation ist vielleicht auch eine Chance, mir meine eigenen Werte bewusster zu machen und intensiver danach zu leben.

Teil dieser vierten Coping-Strategie sollte auch sein, uns über mögliche politische und soziale Folgen der Flüchtlingsbewegung in der näheren Zukunft Klarheit zu verschaffen, um nicht plötzlich überrascht, enttäuscht und handlungsunfähig zu sein.

Die Zahl der Flüchtlinge wird in den nächsten Wochen und Monaten weiter anwachsen. Es kann zu Problemen bei der Unterbringung und Versorgung der vielen Menschen kommen. Darauf sollten wir uns bewusst gedanklich einstellen, das nicht als Versagen auffassen, sondern eigene Strategien entwickeln, wie wir mit solch einer Situation umgehen und Hilfe leisten können. Teil einer solchen Strategie könnte sein, in möglichst vielen betroffenen Kommunen Gesprächskreise zur Flüchtlingsfrage zu bilden und diese zu vernetzen. Hier könnten die besten Erfahrungen zu guten Lösungen zusammengeführt, diskutiert und verbreitet werden. Auch wenn die Probleme nicht gleich gelöst werden können, erschließt diese Vernetzung möglicherweise Ressourcen, die bisher nicht genutzt wurden. Darüber hinaus vermittelt sie das Gefühl, in einer komplizierten Lage nicht allein zu stehen. Beispiel für eine solche Struktur ist www.ukrainenetzwerk-cottbus.de.

Nicht vergessen sollten wir, dass fast drei Millionen deutsche Bürger russische Wurzeln haben. Ein Teil der älteren von ihnen informiert sich über die Ereignisse in der Ukraine aus dem russischen Staatsfernsehen. Sie folgen zum Teil vielleicht sogar der Argumentation Moskaus. Die meisten jüngeren Menschen dieser Gruppe lehnen die russische Aggression eher ab. Wo immer möglich und realistisch, sollte man sie in Hilfsmaßnahmen für die Ukraine einbeziehen, um auch das Potential dieser Menschen zu aktivieren und diese große Bevölkerungsgruppe in unserer Gesellschaft auch weiterhin willkommen zu heißen.

Das sind keine Fragen, die die Psychologie respektive die Positive Psychologie im Besonderen alleine lösen können. Sie sollten aber in unsere Überlegungen einbezogen werden, wenn wir über einen größeren Bezugsrahmen und über unser gelingendes Leben und über das der Flüchtlinge nachdenken.

 

Quelle:

Rillo, L., Savicki, V. (2010). Coping effectiveness and coping diversity under traumatic stress. International Journal of Stress Management, 17(2), 97-113.






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