Verletzungen machen stark? Traumatische Erfahrungen neu gedacht
- 27. Feb.
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„Nicht die Ereignisse selbst, sondern unsere Sichtweise auf sie bestimmt unser Erleben.“ (Viktor Frankl)
„Mikro-Trauma“, „transgenerationales Trauma“, „traumasensibles Coaching“.
Ein Begriff macht die Runde.
Quasi inflationär genutzt finden wir den Begriff „Trauma.“ sowohl in der Medizin als auch in der Psychologie. Entgegen dem Bauchgefühl hängt ein Trauma in der jüngeren Forschung nicht zwangsläufig mit der Intensität der Erfahrung ab, sondern entsteht eher aus einem Missverhältnis von Ereignis und Ressourcen, die ich als Person für die Bewältigung habe: „Ein Trauma ist eine Erfahrung, die uns psychisch überfordert, weil sie plötzlich, bedrohlich oder extrem belastend ist – und die unsere üblichen Bewältigungsstrategien sprengt. Es ist nicht das Ereignis selbst, sondern die Art, wie wir es erleben, die bestimmt, ob wir ein Trauma erfahren.“ Ein differenzierter Blick darauf stellt fest: Nicht jede belastende Erfahrung führt automatisch zu einem Trauma. Entscheidend ist die subjektive Erfahrung der Überforderung. Zwei Menschen können dasselbe Ereignis sehr unterschiedlich verarbeiten. Die Forschung unterscheidet oft zwischen akutem Trauma (ein einmaliges Ereignis) und komplexem Trauma (wiederholte, chronische Belastungen, z. B. Misshandlung in der Kindheit).
Traumatische Erfahrungen hinterlassen oft tiefe Spuren in Psyche und Körper. Klassisch betrachtet stehen auf emotionaler Ebene Schmerz, Verlust und Angst im Vordergrund. Als Wissenschaft des gelingenden Lebens, die durchaus auch einschneidende Erfahrungen im Leben eines Menschen reflektiert, lädt die Positive Psychologie dazu ein, den Blick auch auf Ressourcen, Resilienz und posttraumatisches Wachstum zu richten. Anstatt Traumata ausschließlich als Defizit zu sehen, können sie auch als Ausgangspunkt für persönliche Stärken und neue Perspektiven verstanden werden.
Denn: Studien zeigen, dass Menschen selbst nach schweren Belastungen positive Veränderungen erleben können. Tedeschi und Calhoun (1996) prägten den Begriff des posttraumatischen Wachstums (PTG) und identifizierten fünf zentrale Dimensionen: gesteigerte Wertschätzung des Lebens, verbesserte zwischenmenschliche Beziehungen, größere persönliche Stärke, neue Möglichkeiten im Leben und spirituelle Entwicklung. In einer Meta-Analyse von Linley und Joseph (2004) zeigte sich, dass etwa 30–70 % der Menschen nach einem Trauma in mindestens einer dieser Dimensionen Veränderung erleben.
Zentral sind hierfür besonders drei Faktoren:
Positive Emotionen: das regelmäßige Erleben von Emotionen wie Dankbarkeit, Freude oder Inspiration
Soziale Unterstützung: sich eingebunden fühlen im Kreis von Familie, Freund:innen oder am Arbeitsplatz.
Sinnerleben: eine Erfahrung von Bedeutsamkeit und Sinnhaftigkeit – selbst in kleinen Momenten wie beruflichen Aufgaben oder einer Rolle in der Familie oder Ehrenamt.
Von zentraler Bedeutung ist hierbei auch der Zeitpunkt, zu dem ich einen Perspektivwechsel vornehme. Fordert die akute Belastungssituation häufig Verständnis, Fürsorge und Schmerzverarbeitung, kann mit zeitlicher Distanz auch eine weitere Ebene hilfreich sein:
Die Positive Psychologie ergänzt diese Perspektive, indem sie systematisch Ressourcen stärkt, die Resilienz fördern. Interventionen wie Stärkenorientierung, Dankbarkeitstagebücher oder zielgerichtete Achtsamkeit können helfen, das Erleben von Trauma zu reframen. Eine randomisierte kontrollierte Studie von Seligman et al. (2005) zeigte, dass Teilnehmer, die gezielt ihre Stärken in Alltagssituationen einsetzten, signifikant mehr Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit berichteten – auch in belastenden Kontexten.
Wichtig dabei: Ein ressourcenorientierter Blick bedeutet jedoch nicht, Schmerz zu ignorieren oder zu „überpositivieren“. Vielmehr geht es darum, die eigene Fähigkeit zu erkennen, mit belastenden Erfahrungen umzugehen, und gleichzeitig positive Veränderungen zu fördern. Therapeutische Ansätze, die Positive Psychologie und Traumaarbeit kombinieren, wie z. B. die „Positive Psychotherapy“ nach Seligman und Rashid, unterstützen Betroffene darin, sowohl Verletzlichkeit als auch Stärke anzuerkennen. Hier geht es also um eine Integration zweier Perspektiven. Das Würdigen dessen, was schwierig, belastend oder eben traumatisch ist auf der einen Seite. Und die Frage danach, was daraus (auch) resultiert und was uns aktuell im Coping, also Umgang, unterstützt, auf der Anderen.
Trauma wird so nicht zur einseitigen Betroffenengeschichte, sondern zum Ausgangspunkt für beispielsweise persönliches Wachstum, neu definierte Lebensziele und stärkere soziale Bindungen. Ganz im Sinne von Viktor Frankl entsteht daraus eine zweite Betrachtungsebene – eine Perspektive, die Heilung nicht nur als Rückkehr zum Vorher, sondern als Transformation versteht.
Quellen:
Linley, P. A., & Joseph, S. (2004). Positive change following trauma and adversity: A review. Journal of Traumatic Stress, 17(1), 11–21.
Seligman, M. E. P., Steen, T. A., Park, N., & Peterson, C. (2005). Positive psychology progress: Empirical validation of interventions. American Psychologist, 60(5), 410–421.
Tedeschi, R. G., & Calhoun, L. G. (1996). The Posttraumatic Growth Inventory: Measuring the positive legacy of trauma. Journal of Traumatic Stress, 9(3), 455–471.




