Rehabilitation: Beyond the Risk Paradigm
- 31. März
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Das Buch Rehabilitation: Beyond the Risk Paradigm markiert einen Wendepunkt im Verständnis von Resozialisierung. Tony Ward und Shadd Maruna, zwei international führende Kriminalpsychologen, formulieren eine deutliche Kritik an der defizitorientierten Logik des klassischen Strafvollzugs: „We have become experts in predicting risk, but amateurs in promoting human good“
(Ward & Maruna, 2007, S. 19). Mit dieser prägnanten Beobachtung eröffnen sie eine neue Perspektive – weg vom ausschließlichen Risikomanagement, hin zu einer Psychologie des gelingenden Lebens – auch und gerade im forensischen Kontext.
Ward und Maruna zeigen, dass sich nachhaltige Verhaltensveränderung nicht allein aus Kontrolle, Strafe oder Therapiezwang ergibt, sondern aus der Fähigkeit eines Menschen, Sinn, Verantwortung und Zugehörigkeit zu erleben. Das Herzstück des Buches bildet dabei das Good Lives Model (GLM), ein Ansatz, der Positive Psychologie und Kriminalpsychologie miteinander verbindet. Statt zu fragen, wie wir verhindern, dass jemand rückfällig wird, fragt das GLM, welche Lebensbedingungen ein Mensch braucht, um auf positive Weise seine grundlegenden Bedürfnisse zu erfüllen.
Die Autor* innen beschreiben elf universelle „primary goods“ – Grundgüter wie Autonomie, soziale Eingebundenheit, Kompetenz und Sinn. Straftaten verstehen sie als misslungene Versuche, diese Güter zu erreichen. „Offending behavior“, schreiben sie, „represents not an absence of purpose, but a distorted attempt at human flourishing“ (S. 92). Resozialisierung bedeutet demnach, neue, legale Wege zu finden, um diese Bedürfnisse zu befriedigen.
Anhand konkreter Praxisbeispiele aus Neuseeland und Großbritannien illustrieren Ward & Maruna, wie dies gelingen kann. So schildern sie Programme, in denen Inhaftierte ihre persönlichen Werte und Zukunftsziele definieren und daraus mit Therapeut*innen und Sozialarbeiter*innen Handlungsschritte ableiten. In einem Fall lernt ein Teilnehmer, dessen früheres Bedürfnis nach Kontrolle zu Gewalthandlungen geführt hatte, dieselbe Energie in ein Berufsprojekt einzubringen, das ihm Autonomie und Anerkennung ermöglicht. Ein anderer entdeckt im Gefängnis Kontexte, in denen er Verantwortung übernehmen kann – etwa beim Anleiten jüngerer Mitgefangener. Die Autoren kommentieren: „Building a good life is not about erasing the past, but about reintegrating its lessons into a meaningful future“ (S. 167).
Besonders überzeugend ist die theoretische Tiefe, mit der das Buch psychologische, ethische und gesellschaftliche Aspekte von Rehabilitation verbindet. Ward und Maruna greifen auf Erkenntnisse der Positiven Psychologie, der Humanistischen Psychologie und der Moralentwicklungstheorien zurück. Ihr Plädoyer ist klar: Ohne Hoffnung, Sinn und die Möglichkeit, einen Beitrag für andere zu leisten, bleibt jede „Rehabilitation“ oberflächlich.
Im Schlusskapitel fassen sie ihr Anliegen in einen Satz, der weit über den Strafvollzug hinausweist: „Rehabilitation is not simply about reducing risk, it is about enabling human dignity“ (S. 210).
Damit liefern Ward und Maruna nicht nur ein wissenschaftlich fundiertes Konzept, sondern auch ein humanistisches Leitbild – für Justiz, Soziale Arbeit und Psychologie gleichermaßen.
Wer verstehen möchte, wie aus der Verbindung von Verantwortung und Wachstum echte Veränderung entstehen kann, findet in diesem Buch einen der wichtigsten Beiträge unserer Zeit zur forensischen und angewandten Psychologie.
Titel: Rehabilitation: Beyond the Risk Paradigm
Autor: Tony Ward & Shadd Maruna
ISBN: 978-0415386432




