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Von Risiko zu Ressourcen – Wie das Good Lives Model Wege zur Resozialisierung neu denkt

  • 31. März
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 7 Tagen


„Der Mensch wird am Du zum Ich.“

(Martin Buber)


Welche Menschen, Kontexte und Zielgruppen berührt die Positive Psychologie? Die Frage danach, wen das Fach in Forschung und Anwendung überhaupt erreicht, ist zentral im aktuellen wissenschaftlichen Diskurs der Positiven Psychologie. Ein Kontext, der bislang kaum sichtbar ist und vermeintlich konträr wirkt, ist die Implementierung der Positiven Psychologie in der Begleitung und Resozialisierung von Menschen, die straffällig geworden sind. Positive Psychologie in der Forensik Idealismus oder Paradigmenwechsel?

Im Zitat aus Martin Bubers dialogphilosophischem Werk wird deutlich, dass Identität nur in Beziehung entsteht. Der Mensch entfaltet sich erst durch Begegnung und Verantwortungsübernahme gegenüber anderen. Genau auf dieser Idee beruht das Good Lives Model: Es versteht auch Menschen, die straffällig geworden sind, als Beziehungswesen mit dem Potenzial, ihr Leben in einen konstruktiven Dialog mit sich und der Gesellschaft zu bringen.

Die Kriminalpsychologie hat sich lange Zeit vor allem mit den Risiken menschlichen Verhaltens beschäftigt. Kriminalität wurde als Ausdruck von Störungen, Dysfunktionen oder Fehlentwicklungen verstanden. Entsprechend zielten Interventionen über Jahrzehnte darauf ab, Rückfallwahrscheinlichkeiten zu senken und Risikofaktoren zu kontrollieren.


Seit Beginn der 2000er Jahre verschiebt sich dieser Blick. Das Good Lives Model (GLM) von Tony Ward und Kolleginnen und Kollegen (Ward & Brown, 2004) steht exemplarisch für diesen Wandel. Es integriert Prinzipien der Positiven Psychologie in die forensische Arbeit und geht davon aus, dass nachhaltige Resozialisierung nicht allein durch das Vermeiden von Risiken gelingt, sondern durch die aktive Förderung eines sinnerfüllten, gelingenden Lebens. Statt nur zu fragen, wie Rückfälle verhindert werden können, fragt das Model, wie Menschen lernen können, ein gutes Leben zu führen, das sowohl zufriedenstellend als auch sozialverträglich ist.

Das Modell basiert auf der Annahme, dass alle Menschen nach bestimmten Grundgütern streben, die ihrem Leben Bedeutung verleihen. Diese sogenannten „primary goods“ ähneln den Konzepten der Positiven Psychologie, insbesondere den Charakterstärken nach Peterson und Seligman (2004). Dazu gehören etwa Gesundheit, Wissen, Exzellenz in Arbeit und Freizeit, innere Ruhe, Autonomie, soziale Verbundenheit, Zugehörigkeit, Spiritualität, Kreativität, Vergnügen und Sicherheit. Kriminelles Verhalten wird in dieser Perspektive nicht ausschließlich als moralisches Versagen verstanden, sondern als fehlgeleiteter Versuch, solche Grundgüter auf destruktive Weise zu erreichen (Purvis, Ward, & Willis, 2011). Eine Tat kann also Ausdruck eines unerfüllten Bedürfnisses sein, das jedoch in gesellschaftlich schädlicher Form gelebt wird.


Der entscheidende Unterschied des GLM liegt im methodischen Fokus auf Ressourcen. Menschen sollen nicht nur lernen, was sie vermeiden müssen, sondern auch erkennen, was ihnen Sinn gibt und welche Wege zu diesem Sinn sozialverträglich sind. Hier zeigt sich die Verbindung zur Positiven Psychologie: Beide Ansätze betonen Stärken, Sinnfindung, Selbstwirksamkeit und soziale Eingebundenheit als Kernelemente menschlicher Entwicklung. In der Arbeit von Barnao, Ward und Casey (2016) wurde untersucht, wie Programme im Strafvollzug wirken, die nicht nur auf Kontrolle und Risiko, sondern auf persönliche Stärken und Lebensziele setzen. Dabei zeigte sich, dass Menschen, die lernen, Sinn, Beziehungen und Selbstvertrauen aufzubauen, seltener rückfällig werden und sich insgesamt zufriedener fühlen.

Dieser ressourcenorientierte Ansatz verlangt eine menschliche Haltung, die Viktor Frankl bereits 1946 formulierte: „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unser Wachstum und unsere Freiheit.“ Sinnorientierung und Verantwortung werden zu Voraussetzungen, sich selbst und die eigenen Handlungen neu zu verstehen. Menschen, die Verantwortung übernehmen, können lernen, ihre Werte und Bedürfnisse künftig auf konstruktive Weise zu leben.


In der Praxis findet das GLM zunehmend Anwendung, etwa in Reintegrationsprogrammen in Norwegen, Kanada und Neuseeland. Die Arbeit konzentriert sich dort auf Fragen, die Menschen dazu befähigen, ihre Zukunft aktiv zu gestalten: Was ist mir wirklich wichtig? Welche Stärken helfen mir, meine Ziele zu erreichen? Welche Strukturen unterstützen mich dabei? Studien zeigen, dass solche Programme die intrinsische Motivation fördern, das Selbstvertrauen stärken und Rückfallraten reduzieren (Fortune, Ward, & Willis, 2012).

Das Good Lives Model eröffnet so eine neue ethische Perspektive in der Kriminalpsychologie. Es geht nicht um ein idealisiertes Menschenbild, sondern um die Anerkennung von Entwicklungsfähigkeit und relationaler Würde. Resozialisierung wird zum Prozess der Sinnfindung und der Selbstgestaltung, getragen vom Bewusstsein für Schuld und Verantwortung, aber auch für Potenzial und Hoffnung. Im Dialog mit der Positiven Psychologie richtet sich der Fokus nicht auf Strafe oder Pathologie, sondern auf die Möglichkeit, menschliche Veränderung selbst unter schwierigen Bedingungen zu ermöglichen.


Anstelle eines rein defizitären Verständnisses von Kriminalität entsteht damit ein integrativer Ansatz, der sowohl Schutzinteressen der Gesellschaft als auch die Würde des Einzelnen berücksichtigt. Vom Risiko zur Ressource, von der Kontrolle zur Verantwortung: Das Good Lives Model steht für eine forensische Praxis, die den Menschen in seiner Ganzheit versteht und Veränderung als Ausdruck gelebter Humanität begreift.



Quellen


Barnao, M., Ward, T., & Casey, S. (2016). Rehabilitation: Beyond the risk paradigm. London: Routledge.


Fortune, C. A., Ward, T., & Willis, G. M. (2012). The Good Lives Model and offender rehabilitation: A positive approach to desistance. Psychiatry, Psychology and Law, 19(3), 431–440.


Frankl, V. E. (1946). …trotzdem Ja zum Leben sagen. Wien: Deuticke.


Laws, D. R., & Ward, T. (2011). Desistance from sex offending: Alternatives to throwing away the keys. Guilford Press.


Peterson, C., & Seligman, M. E. P. (2004). Character strengths and virtues: A handbook and classification. Oxford University Press.


Purvis, M., Ward, T., & Willis, G. (2011). The Good Lives Model: New avenues for sex offender treatment and rehabilitation. Journal of Sexual Aggression, 17(2), 153–170.


Ward, T., & Brown, M. (2004). The Good Lives Model and the rehabilitation of offenders: Promises and problems. Aggression and Violent Behavior, 9, 91–110.

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