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Constructive News: Warum das Konzept der „bad news“ die Medien zerstört und wie Journalisten mit einem völlig neuen Ansatz wieder Menschen berühren


Environmental Psychology, Steg, de Groot, make hope happen

Mit Constructive News hat Ulrik Haagerup eines der einflussreichsten Bücher zum konstruktiven Journalismus vorgelegt. Der langjährige Chefredakteur des dänischen Rundfunks DR beschreibt darin keine abstrakte Medienkrise, sondern eine sehr konkrete Entfremdung: zwischen Journalismus und seinem Publikum. Sein zentrales Argument ist ebenso schlicht wie weitreichend – Journalismus erfüllt seine gesellschaftliche Aufgabe nur dann, wenn er die Realität vollständig abbildet. Und vollständig bedeutet: Probleme und mögliche Auswege.

Haagerup stellt gleich zu Beginn klar, dass Journalismus die Pflicht hat, genau hinzusehen, Missstände aufzudecken und Macht zu kontrollieren. „Nach dem kaputten Zeug zu schauen“, gehört zum professionellen Selbstverständnis. Die Schieflage entsteht dort, wo diese Perspektive zur alleinigen wird. Wenn Medien immer nur Probleme beleuchten und vorhandene Lösungen systematisch ausblenden, erzählen sie nicht die ganze Wahrheit. Sie lassen ihr Publikum mit dem Gefühl zurück, einer unüberschaubaren und bedrohlichen Welt ausgeliefert zu sein.


Besonders überzeugend ist die psychologische Dimension, die Haagerup seiner Argumentation zugrunde legt – auch wenn er sie nicht explizit als solche rahmt. Dauerhaft negativ geprägte Berichterstattung formt ein Menschen‑ und Weltbild, das Unsicherheit, Ohnmacht und Rückzug begünstigt. Damit antizipiert Constructive News bereits früh das Phänomen der News Avoidance, das heute gut empirisch belegt ist: Immer mehr Menschen meiden Nachrichten bewusst, weil sie diese als emotional belastend, repetitiv und entmutigend erleben.


Haagerups konstruktiver Journalismus setzt genau an diesem Punkt an. Er fordert keine Abkehr von Kritik, sondern eine Erweiterung der journalistischen Perspektive. Neben der Frage: „Was läuft schief?“ sollen Journalist*innen systematisch auch fragen: „Was funktioniert bereits?“, „Wer hat tragfähige Lösungen entwickelt?“ und „Was lässt sich daraus lernen?“ Diese zweite Perspektive versteht Haagerup nicht als Optimismus, sondern als journalistische Sorgfaltspflicht.


Wichtig ist dabei seine klare Abgrenzung von Aktivismus, PR und sogenannten Good‑News‑Formaten. Konstruktiver Journalismus ist kein Kampagnenjournalismus und keine Schönfärberei. Er bleibt faktenbasiert, kritisch und unabhängig – erweitert jedoch den Blick auf Handlungsoptionen, Ressourcen und Entwicklung. Gerade darin liegt seine demokratische Relevanz: Berichterstattung soll Menschen nicht nur informieren, sondern befähigen.


Vor dem Hintergrund zunehmender Nachrichtenvermeidung gewinnt das Buch zusätzliche Aktualität. Konstruktiver Journalismus adressiert nicht nur eine Krise der Mediennutzung, sondern eine psychologische und demokratische Herausforderung: Wenn Menschen sich von Nachrichten abwenden, verlieren Medien ihre orientierende und verbindende Funktion. Haagerups Ansatz zeigt einen Weg auf, wie Journalismus Vertrauen zurückgewinnen kann.

Constructive News liefert eine klare Einladung zur Weiterentwicklung journalistischer Praxis. Es erinnert daran, dass Journalismus nicht nur Probleme sichtbar machen, sondern auch gesellschaftliche Lernprozesse ermöglichen kann. In einer Zeit multipler Krisen ist das kein Luxus, sondern eine demokratische Notwendigkeit.

   


Titel: Constructive News: Warum das Konzept der „bad news“ die Medien zerstören und wie Journalisten mit einem völlig neuen Ansatz wieder Menschen berühren

Autor: Ulrik Haagerup

ISBN: 978-3901227486



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