Konstruktiver Journalismus: Die Welt mit „allen“ Augen sehen?
- Mailin Modrack
- vor 2 Tagen
- 3 Min. Lesezeit

„Krieg eskaliert weiter.“
„Demokratie unter Druck.“
„Klimaziele erneut verfehlt.“
„Vertrauen in Politik auf historischem Tiefstand.“
Ein flüchtiger Blick auf aktuelle Schlagzeilen reicht aus, um das Grundmuster moderner Nachrichtenproduktion zu erkennen: Alarm, Konflikt, Zuspitzung. "If it bleeds, it leads." Mit dieser Logik funktionieren Presse, Rundfunk und Social Media bis heute. Diese Form der Berichterstattung ist nicht falsch, aber unvollständig. Und sie hat Folgen.
Krisen, Konflikte und Katastrophen dominieren die öffentliche Agenda. Sie erzeugen Aufmerksamkeit, Klicks und Reichweite – und sie folgen einer tief verankerten Logik unseres Gehirns: dem sogenannten Negativity Bias. Schlechte Nachrichten wirken stärker als gute, Kritik bleibt länger im Gedächtnis als Lob. Was evolutionsbiologisch sinnvoll war und jahrzehntelang unser Überleben gesichert hat, wird in der heutigen, permanent vernetzten Welt jedoch zunehmend zum Problem. Viele Menschen fühlen sich emotional überfordert, entwickeln Ohnmachtsgefühle oder wenden sich ganz von Nachrichten ab. Eine aktuelle Umfrage zeigt, dass bis zu 80% aller Konsument*innen von Medien regelmäßig „News Avoidance“ zeigen – also Nachrichten gar nicht erst rezipieren, da sie mit Gefühlen von Ohnmacht und Überwältigung einhergehen.
Konstruktiver Journalismus setzt genau hier an. Er versteht sich nicht als Gegenentwurf zum klassischen Nachrichten- oder Investigativjournalismus, sondern als dessen notwendige Ergänzung. Sein Ziel ist es, Mediennutzenden ein differenziertes, faktenbasiertes und zukunftsorientiertes Bild der Realität zu vermitteln – ohne zu beschönigen, aber auch ohne systematisch zu verzerren. Denn genau jetzt herrscht in der Ukraine Krieg, Verlust, Verzweiflung. Und genau jetzt gibt es Menschen, die sich solidarisieren, finanzielle und emotionale Unterstützung aus dem Ausland, Menschen, die trotz und mit der Situation das Leben navigieren. Auch das gehört zu einem ganzen Bild der Realität dazu.
Mehr als „Good News“
Konstruktiver Journalismus ist kein Wohlfühljournalismus, keine Schönfärberei und kein Aktivismus. Wichtig ist auch, dass konstruktiver Journalismus nicht gleichzusetzen ist mit positivem Journalismus. Es geht also nicht darum, einfach mehr positive Nachrichten zu berichten, sondern ein ganzheitliches Bild der Realität abzubilden.
Dabei folgt er einer leitenden Frage: Was jetzt? Welche Handlungsspielräume ergeben sich? Wie bewältigen Betroffene die Situation?
Während Nachrichtenjournalismus Probleme dokumentiert und investigativer Journalismus Verantwortlichkeiten klärt, geht konstruktiver Journalismus einen Schritt weiter und fragt nach Handlungsoptionen, funktionierenden Beispielen und übertragbaren Lösungsansätzen.
Drei zentrale Elemente
Das Bonn Institute für konstruktiven Journalismus detektiert drei Elemente, mit dem Nachrichtenberichterstattung konstruktiver gestaltet werden kann:
Lösungsfokus: Konstruktiver Journalismus berichtet nicht nur über Missstände, sondern recherchiert ebenso sorgfältig Lösungsansätze, Fortschritte und Innovationen.
Perspektivenreichtum: Unterschiedliche Sichtweisen und Lebensrealitäten werden systematisch einbezogen, um gesellschaftliche Komplexität abzubilden, ohne zu polarisieren.
Konstruktiver Dialog: Journalistinnen und Journalisten agieren als Moderatoren öffentlicher Gespräche, die auf Zuhören, Empathie und Allparteilichkeit basieren.
Psychologische Wirkung und gesellschaftliche Relevanz
Aus psychologischer Perspektive ist gut belegt, dass dauerhaft negativ aufgeladene Berichterstattung Angst, Stress und Rückzugstendenzen fördert. Konstruktiver Journalismus balanciert diese Effekte aus, indem er negative Informationen kontextualisiert und um Lern-, Lösungs- und Zukunftsperspektiven ergänzt. Dadurch stärkt er das Gefühl von Selbstwirksamkeit – ein zentraler Faktor für demokratische Teilhabe.
Gerade in Zeiten multipler Krisen braucht es einen öffentlichen Diskurs, der sich seiner Wirkung bewusst ist. Konstruktiver Journalismus bedeutet also, die Welt mit beiden, mit „allen“ Augen zu sehen – Probleme klar zu benennen und gleichzeitig Wege aufzuzeigen, wie Fortschritt möglich ist. Damit entsteht verantwortungsvoller Qualitätsjournalismus.
Quellen
Bonn Institute. https://www.bonn-institute.org/konstruktiver-journalismus
Constructive News: warum „bad news“ die Medien zerstören und wie Journalisten mit einem völlig neuen Ansatz wieder Menschen berühren. (2015).
Meier, K., Graßl, M., Klinghardt, K., Körner, M. & Schützeneder, J. (2025). Die Zukunft des Journalismus. Springer VS.




