Elementares Wohlbefinden: Ein integrativer Ansatz macht Schule
- 29. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit

"Unlike many existing frameworks, which are generated from academic theorising, Elemental Wellbeing was built inductively from narratives of lived experience. This bottom-up approach ensures that the language of the model reflects how people talk about wellbeing, using metaphors and terms that are accessible and intuitive.“
(Annalise Roache)
Was bedeutet es eigentlich, wirklich wohl zu sein? In der Positiven Psychologie wird diese Frage seit Jahrzehnten diskutiert. Modelle wie PERMA (Seligman, 2011) oder das psychologische Wohlbefinden nach Ryff (1989) haben unser Verständnis stark geprägt. Doch viele Menschen erleben im Alltag, dass ihr Wohlbefinden nicht in einzelne Bausteine zerfällt – sondern sich als ein dynamisches, oft widersprüchliches Ganzes zeigt. Genau hier setzt das Modell des Elementaren Wohlbefindens (Roache et al., 2025) an.
Wohlbefinden aus gelebter Erfahrung gedacht
Das Modell des Elementaren Wohlbefindens basiert nicht primär auf theoretischen Annahmen, sondern auf den Alltagsnarrativen von über 1.000 Menschen. In einer groß angelegten Mixed-Methods-Studie wurde untersucht, was Menschen selbst als zentral für ihr Wohlbefinden erleben – und was es stärkt oder schwächt. Das Ergebnis: Wohlbefinden wird als Zusammenspiel von vier Elementen erlebt:
Inneres Selbst (z. B. Selbstwahrnehmung, emotionale Regulation)
Gesundheit (körperlich und psychisch, inklusive Zugang zu Versorgung)
Verbundenheit (Beziehungen zu Menschen, Natur, Gemeinschaft)
Materielle Stabilität (finanzielle Sicherheit, Wohnen, Ressourcen)
Diese Elemente sind nicht isoliert, sondern greifen ineinander. Sie werden getragen von drei sogenannten Goldenen Fäden: Balance, aktives Gestalten und Freiheit. Wohlbefinden zeigt sich damit nicht als fixer Zustand, sondern als fortlaufende Fähigkeit, zentrale Lebensbereiche im Gleichgewicht zu halten – auch in schwierigen Zeiten.
Was sagt die Forschung dazu?
Dass Wohlbefinden mehr ist als positive Gefühle, wird zunehmend empirisch gestützt. So zeigen Ryff & Singer (2008), dass psychologisches Wohlbefinden insbesondere aus Sinn, Selbstakzeptanz und persönlichem Wachstum entsteht – oft gerade durch Herausforderungen. Ähnlich argumentiert Lomas (2016) im Rahmen der Second Wave Positive Psychology, dass negative Emotionen eine konstruktive Rolle für Entwicklung und Sinn spielen können. Auch groß angelegte europäische Studien zur Flourishing-Forschung (Huppert & So, 2013) belegen, dass Wohlbefinden sowohl subjektive Erfahrungen als auch objektive Lebensbedingungen umfasst – etwa Gesundheit, Sicherheit und soziale Einbindung. Das Elementare Wohlbefinden integriert genau diese Perspektiven systematisch.
Einordnung: PERMA, Psychologisches Wohlbefinden – und darüber hinaus
PERMA hat der Positiven Psychologie eine klare, gut kommunizierbare Struktur gegeben: Positive Emotionen, Engagement, Relationships, Meaning und Accomplishment. Das Modell des Elementaren Wohlbefindens widerspricht dem nicht, es verschiebt jedoch den Fokus.
Während PERMA primär beschreibt, was Wohlbefinden ausmacht, fragt das Elementare Wohlbefinden stärker danach, unter welchen Bedingungen Wohlbefinden überhaupt möglich ist. Materielle Sicherheit, Freiheit von Diskriminierung oder Zugang zu Gesundheitsversorgung sind bei PERMA eher implizit – hier werden sie explizit Teil des Modells.
Im Vergleich zu Ryffs psychologischem Wohlbefinden ist das Elementare Wohlbefinden weniger normativ-theoretisch, dafür näher an der Alltagssprache der Menschen. Begriffe wie „Balance“ oder „Verbundenheit“ wurden von den Teilnehmenden selbst genutzt – ein wichtiger Schritt, um die Kluft zwischen Forschung und Lebensrealität zu überbrücken.
Warum dieses Modell im aktuellen Zeitgeschehen einen Unterschied macht
In einer Zeit multipler Krisen wie wachsender Polarisation, Rechtsruck und kriegerischen Auseinandersetzungen macht das Modell des Elementaren Wohlbefindens deutlich: Wohlbefinden ist nicht allein eine Frage von Haltung oder Selbstoptimierung. Es entsteht im Zusammenspiel von inneren Fähigkeiten und äußeren Bedingungen. Damit liefert das Modell nicht nur einen wertvollen Impuls für Coaching, Therapie und Organisationen, sondern auch für Gesundheits-, Bildungs- und Sozialpolitik.
Quelle
Roache, A. (2024). Mapping wellbeing: Exploring lay concepts of wellbeing and how they compare with positive psychology approaches: A mixed methods study of New Zealand adults (Master’s thesis, Auckland University of Technology). Auckland University of Technology Open Repositories. https://openrepository.aut.ac.nz/server/api/core/bitstreams/0cb6e9e6-2b82-4fc4-8747-aa00e59c08c4/content




