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10 Jahre Human Flourishing Program: Was gelingendes Leben wirklich ausmacht

vor 18 Stunden
4 Min. Lesezeit

„Eine Schwalbe macht noch keinen Frühling, auch nicht ein einziger Tag.“

(Aristoteles)

 

Woran erkennen Sie eigentlich, ob ein Leben gelingt – an einem glücklichen Moment, einer nahen Beziehung, materiellem Wohlstand oder an etwas ganz anderem? Diese Frage ist so alt wie die Philosophie selbst. Seit zehn Jahren wird sie in Harvard empirisch untersucht. Am 15. April 2016 nahm dort das Human Flourishing Program seine Arbeit auf, unter der Leitung des Epidemiologen Tyler J. VanderWeele. Zum Jubiläum, das kürzlich mit einer Gala in den Harvard Art Museums gefeiert wurde, lohnt sich ein Blick zurück und nach vorn: Was wissen wir heute über ein gelingendes Leben, das zum Start vor 10 Jahren noch ungewiss war?


Am Anfang stand eine Kritik. Viele Studien in den Sozial- und Gesundheitswissenschaften, so VanderWeele (2017), messen nur sehr enge Ergebnisgrößen: das Einkommen, eine einzelne Erkrankung oder den positiven Affekt, also die Frage danach, wie gut wir uns gerade fühlen und angenehme Gefühle wie Freude, Interesse oder Gelassenheit erleben.

Flourishing fasst VanderWeele deutlich weiter. Es umfasst Glück und Lebenszufriedenheit, psychische und körperliche Gesundheit, Sinn und Zweck, Charakter und Tugend sowie enge soziale Beziehungen. Als weiteren Bereich ergänzt er finanzielle und materielle Stabilität, weil sie die übrigen Bereiche über die Zeit absichern.

Das bislang ehrgeizigste Projekt des Programms ist die Global Flourishing Study. Gemeinsam mit der Baylor University und Gallup begleitet sie mehr als 200.000 Menschen aus 22 Ländern auf sechs Kontinenten über fünf Jahre (VanderWeele et al., 2025). Die ersten Befunde stellen vertraute Annahmen infrage. Die lange beschriebene U-Kurve flacht deutlich ab. Nach ihr ist das Wohlbefinden in der Jugend hoch, sinkt in der Lebensmitte und steigt im Alter wieder. Heute berichten junge Erwachsene zwischen 18 und 29 Jahren in vielen Ländern die niedrigsten Werte, vor allem bei psychischer Gesundheit, Sinnerleben und Beziehungen. Warum das so ist, kann die Studie selbst noch nicht beantworten. Ein viel diskutierter Erklärungsansatz ist die Nutzung von Smartphones und sozialen Medien. Blanchflower, Bryson und Xu (2024) zeigen, dass das frühere Hoch des Wohlbefindens in jungen Jahren weltweit verschwindet, und halten den digitalen Wandel für einen wahrscheinlichen Treiber. Auch VanderWeele vermutet einen Beitrag sozialer Medien, zumal intensive Nutzung unter jungen Erwachsenen besonders verbreitet ist (Harvard Gazette, 2022). Unumstritten ist das jedoch nicht. Vuorre und Przybylski (2023) finden in globalen Daten wiederum kaum belastbare Hinweise auf einen solchen Zusammenhang. Vermutlich wirken mehrere Faktoren zusammen, etwa weniger gemeinsame Zeit mit Freund*innen und wachsende gesellschaftliche Unsicherheit.

Auch der Ländervergleich überrascht: An der Spitze steht Indonesien und nicht etwa eine der reichsten Volkswirtschaften. Wirtschaftlicher Wohlstand und das Erleben von Sinn verlaufen offenbar nicht im Gleichschritt.


Für die Praxis ist dieser breite Begriff von Flourishing mehr als eine akademische Feinheit. Wer im Coaching, in der Beratung oder in der Organisationsentwicklung allein auf Zufriedenheit oder Stressreduktion zielt, übersieht womöglich die Bereiche, in denen ein Mensch tatsächlich Entwicklungsspielraum hat. VanderWeele (2020) hat dazu einen evidenzbasierten Leitfaden mit zwölf einfachen Aktivitäten vorgelegt, von Dankbarkeits- und Stärkenübungen bis zu Job Crafting, und betont dabei, dass kurze Übungen vor allem Zufriedenheit und Gesundheit stärken, während Sinn, Beziehungen und Charakter eher in dauerhaften Bindungen und Gemeinschaften wachsen.

Die Botschaft der Forschung ist insgesamt ermutigend: Flourishing lässt sich gezielt fördern. Der Befund zu jungen Erwachsenen zeigt aber auch, wo der Bedarf derzeit am größten ist.

Damit ergibt sich die Brücke zurück zu Aristoteles: Eine einzelne Schwalbe kündigt noch keinen Frühling an, und ebenso macht ein einzelner glücklicher Tag noch kein gelingendes Leben. Für Aristoteles zeigt sich das gute Leben erst über längere Zeit und in der Art, wie wir es insgesamt führen. Genau diesen Gedanken übersetzt die Flourishing-Forschung in die Empirie: Sie fragt nicht nur, wie wir uns gerade jetzt als Momentaufnahme fühlen, sondern ob unser Leben dauerhaft und in mehreren Bereichen stimmig ist.


Also: In welchem Bereich Ihres Lebens, oder im Leben der Menschen, die Sie begleiten, wartet die nächste Schwalbe?



Quellen


Aristoteles. (2006). Nikomachische Ethik (U. Wolf, Übers.). Rowohlt. [Ausgabe bitte an die verwendete Übersetzung anpassen]

VanderWeele, T. J. (2017). On the promotion of human flourishing. Proceedings of the National Academy of Sciences, 114(31), 8148–8156. https://doi.org/10.1073/pnas.1702996114


Blanchflower, D. G., Bryson, A., & Xu, X. (2024). The declining mental health of the young and the global disappearance of the hump shape in age in unhappiness (NBER Working Paper No. [Nr. prüfen]). National Bureau of Economic Research.


Powell, A. (2022). Why are young people so miserable? The Harvard Gazette. https://news.harvard.edu/gazette/story/2022/09/why-are-young-people-so-miserable/


VanderWeele, T. J., Johnson, B. R., Bialowolski, P. T., Bonhag, R., Bradshaw, M., Breedlove, T., Case, B., Chen, Y., Chen, Z. J., Counted, V., Cowden, R. G., de la Rosa, P. A., Felton, C., Fogleman, A., Gibson, C., Grigoropoulou, N., Gundersen, C., Jang, S. J., Johnson, K. A., … [letzter Autorin]. (2025). The Global Flourishing Study: Study profile and initial results on flourishing. Nature Mental Health, 3(6), 636–653. https://doi.org/10.1038/s44220-025-00423-5


Vuorre, M., & Przybylski, A. K. (2023). Global well-being and mental health in the internet age. Clinical Psychological Science.

VanderWeele, T. J. (2020). Activities for flourishing: An evidence-based guide. Journal of Positive Psychology and Wellbeing, 4(1), 79–91.

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