Positive Solitude: Die Architektur des gelingenden Alleinseins
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„Unsere Sprache hat weise zwischen zwei Seiten des Alleinseins unterschieden: Sie schuf ein Wort für den Schmerz des Alleinseins – und ein zweites für seine Herrlichkeit.“
(Paul Tillich, sinngemäß aus dem Englischen, nach: The eternal now, 1963)
Im Deutschen kennen wir nur ein Wort für das, was Tillich hier trennt: Einsamkeit. Das Englische unterscheidet wiederum zwischen loneliness, dem schmerzhaften Gefühl der Isolation, und solitude, dem bewusst gewählten Alleinsein. Diese Lücke spiegelt eine lange vorherrschende Annahme wider: dass Alleinsein grundsätzlich defizitär sei. Denn für viele Menschen geht Zeit alleine noch immer mit Gefühlen von Einsamkeit und fehlender Integration einher. Wie also gelingt der Spagat hin zu echter Qualität des Alleinseins?
Ein hilfreiches Bild dafür liefert die Architektur. Ungestaltete Zeit wird schnell als Leere empfunden – wie ein Raum ohne Grundriss, in dem sich niemand zurechtfindet. Erst wenn wir diesen Raum bewusst gestalten, wird er zu einem schützenden Rückzugsort. Genau das beschreibt das Konstrukt der Positive Solitude (PS), das die israelische Alternsforschung um Yuval Palgi und Sharon Ost-Mor in den letzten Jahren präzise definiert und operationalisiert hat: Positive Solitude bezeichnet die selbst gewählte Zeit allein, die für bedeutungsvolle innere, körperliche oder kognitive Erfahrungen genutzt wird und ist damit explizit abgegrenzt von Einsamkeit und unfreiwilliger Isolation.
Entscheidend ist dabei, wie mehrere Studien zeigen, weniger das Alleinsein selbst als die Frage der Freiwilligkeit und Gestaltung. Ost-Mor et al. (2024) fanden in einer Stichprobe von über 500 älteren Erwachsenen, dass Positive Solitude die schädliche Wirkung von Einsamkeit auf depressive Symptome abpuffert: Menschen mit hoher Positive Solitude-Ausprägung zeigten einen deutlich schwächeren Zusammenhang zwischen Einsamkeit und Depressivität als Menschen mit niedriger Positive Solitude-Ausprägung. Alleinsein und Einsamkeit schließen sich damit nicht aus – sie können nebeneinander bestehen, und die Fähigkeit zur Positive Solitude wirkt wie ein Puffer. Dieser Schutzeffekt hat sogar mit dem Lebensalter zugenommen. Das bedeutet also, je älter wir werden, desto wirksamer ist angenehm gestaltete Zeit alleine.
Für die Praxis ergibt sich daraus ein klarer Auftrag: Positive Solitude lässt sich nicht dem Zufall überlassen, sondern als Haltung kultivieren, ähnlich wie Achtsamkeit. Ein Modell, das sich dafür anbietet, unterscheidet drei Ebenen:
die innere Haltung gegenüber dem Alleinsein (Reframing, Selbstmitgefühl, Werteklärung)
die konkrete Handlung, mit der der Raum gefüllt wird (sinnvolle statt passiv-berieselnde Aktivitäten) und
die Habituation, also die schrittweise Verankerung im Alltag durch feste Rituale und eine bewusste Balance zu sozialer Zeit.
Also: Wie viel bewusst gewählte Stille brauchen wir eigentlich – und wie oft verwechseln wir sie noch mit Verzicht?
Quellen
Ost-Mor, S., Palgi, Y., & Segel-Karpas, D. (2021). The definition and categories of positive solitude: Older and younger adults' perspectives on spending time by themselves. International Journal of Aging and Human Development, 93, 943–962. https://doi.org/10.1177/0091415020957379
Ost-Mor, S., Segel-Karpas, D., Palgi, Y., Hamama-Raz, Y., Mayan, S., Ben-Ezra, M., & Greenblatt-Kimron, L. (2024). Let there be light: The moderating role of positive solitude in the relationship between loneliness and depressive symptoms. International Psychogeriatrics, 36(8), 689–693. https://doi.org/10.1017/S1041610223000698
Palgi, Y., Segel-Karpas, D., Ost-Mor, S., Hoffman, Y., Shrira, A., & Bodner, E. (2021). Positive solitude scale: Theoretical background, development and validation. Journal of Happiness Studies, 22, 3357–3384. https://doi.org/10.1007/s10902-021-00367-4
Tillich, P. (1963). The eternal now. Charles Scribner's Sons.




