Bin ich traumatisiert? Wie wir die immer gleichen Problemschleifen verlassen
- 27. Feb.
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 7 Tagen

"Trauma is not what happens to you, but what happens inside of you."
(Gabor Maté)
"Wie wirken belastende Erfahrungen aus der Vergangenheit bis heute nach und wie können wir diese verstehen und in Zusammenhang mit unserer Persönlichkeit bringen?"
Mit „Bin ich traumatisiert?“ legt die Traumatherapeutin Verena König ein ebenso fundiertes wie praxisnahes Buch vor, das Leserinnen und Leser behutsam an ein komplexes Thema heranführt. Dabei verbindet die Autorin, die selbst als Traumatherapeutin arbeitet, psychologisches und neurobiologisches Wissen mit unterschiedlichen Fallbeispielen.
Zentral ist Königs Anliegen, Trauma differenziert zu betrachten. Sie beschreibt Trauma nicht als dramatisches Einzelereignis allein, sondern als eine Erfahrung, die das Nervensystem überwältigt und langfristig prägen kann:
„Trauma entsteht nicht durch das Ereignis allein, sondern durch die Überforderung unseres Nervensystems in einer Situation, die wir nicht bewältigen konnten“ (S.8).
Dabei lässt sich wissenschaftlich das Schocktrauma, das meistens als Folge eines heftigen Einzelerlebnisses wie einem Unfall oder Tod resultiert vom Komplextrauma, das sequenziell aus mehreren Triggern entsteht, unterscheiden.
Im alltäglichen Sprachgebrauch fokussieren wir häufig auf die erste Fassung. Dabei ist Trauma hochgradig individuell: "Was für den einen "nur" ein Schrecken ist, kann für den anderen eine Situation von traumatischem Ausmaß sein" (S.30).
Für Verena König bietet die Auseinandersetzung mit eigener Traumatisierung nicht nur die Möglichkeit, eigene Verletzungen zu reflektieren, sondern auch auf gesamtgesellschaftlicher Ebene mehr Menschlichkeit zu fördern: "Wenn wir die Auswirkungen von Trauma auf die menschliche Psyche verstehen, halten wir einen Schlüssel in den Händen, der uns die Tür zu einer Welt öffnet, in der Menschlichkeit und Verbundenheit die Basis für unsere Entscheidungen bilden." (S.9).
Damit verschiebt sie den Fokus weg von der äußeren Bewertung eines Geschehens hin zur inneren Verarbeitung – ein Perspektivwechsel, der entlastend wirkt und Selbstvorwürfe relativieren kann. Allzu häufig erlebt die Autorin in ihrer Praxis Klient:innen, deren Trauma-Reaktion negativ auf ihr Selbstbild und ihr Selbstvertrauen wirkt.
Ein anschlussfähiges Fallbeispiel im Buch schildert die Geschichte einer Frau, die nach einem Autounfall unter ständiger innerer Anspannung litt. Obwohl ihre körperlichen Verletzungen verheilt waren, reagierte ihr Körper weiterhin mit Herzrasen, Schlafstörungen und Angst beim Autofahren. Sie begann, bestimmte Strecken zu vermeiden, entwickelte ein Gefühl von Kontrollverlust und zweifelte an ihrer eigenen Stabilität. König zeigt anhand dieses Beispiels, wie das Nervensystem nach einem Schock „im Alarmmodus“ verharren kann und wie durch gezielte Regulationsübungen, Atemtechniken und achtsame Körperwahrnehmung allmählich wieder Sicherheit aufgebaut werden kann. Sie versteht Trauma primär als Überforderung des Nervensystems, welches nicht im ausreichenden Maße Ressourcen zur Verfügung hat, um mit einem einschneidenden Lebensereignis umzugehen. Dabei spielen unser sympathisches, und Nervensystem, sowie der Vagusnerv als "Herz-Hirn"-Achse eine zentrale Rolle.
Verena König stützt sich dabei auf die Ego-State-Therapie, die Persönlichkeit in verschiedenen Anteilen denkt, welche es in der Traumatherapie zu integrieren gilt:
grundsätzlich ressourcenorientierte Anteile
verletzte Anteile
destruktive Anteile
Strategien zu Vermeidung wie die Hinwendung zu Substanzen (Alkohol, Drogen, Sport, übermäßiges Arbeiten) stellen in der Traumatherapie den Versuch dar, negative Erfahrungen und Emotionen zu regulieren. Dabei flüchten wir uns in Mechanismen, die kurzzeitig als entlastend empfunden werden und auf körperlicher Ebene zum Beispiel für die Ausschüttung von Dopamin oder Serotonin sorgen. König verdeutlicht, dass auch die Hinwendung zu Kompensationsstrategien wie Abhängigkeiten von Routinen oder Ritualen in dieses Muster fällt und verdeutlicht, dass all jene Wege nicht nachhaltig wirken können: "Um von irgendeiner Sucht, gleich welcher, genesen zu können, müssen Betroffene die Fähigkeit erlernen, eine Zustandsveränderung selbst herbeizuführen und vor allem, ihren Scherz anzuerkennen und sich ihm zuzuwenden" (S.109).
Besonders hilfreich ist die wiederholte Betonung, dass Heilung kein linearer Prozess ist, sondern Geduld, Selbstmitgefühl und oft auch professionelle Begleitung braucht.
Die Fallbeispiele machen deutlich, wie vielfältig sich Traumafolgen äußern können – in Beziehungen, im Selbstwert, in körperlichen Symptomen oder wiederkehrenden inneren Mustern. Gleichzeitig vermittelt das Buch Hoffnung: Traumatische Erfahrungen prägen, aber sie müssen nicht das ganze Leben bestimmen.
„Bin ich traumatisiert?“ ist ein wissenschaftlich fundiertes und zugleich sehr zugängliches Werk, das Orientierung in einem sensiblen Themenfeld bietet. Es eignet sich für Betroffene ebenso wie für Fachinteressierte, die ein differenziertes Verständnis von Trauma und seinen Auswirkungen gewinnen möchten. Die Verbindung aus Fachwissen, Fallgeschichten und praktischen Impulsen macht das Buch zu einer unterstützenden Lektüre für alle, die sich mit seelischer Verletzung und ihren Folgen auseinandersetzen möchten.
Titel: „Bin ich traumatisiert? Wie wir die immer gleichen Problemschleifen verlassen“
Autor: Dr. Verena König
ISBN: 978-3833878350




