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Fernöstliches Glück – Was die Positive Psychologie von nichtwestlichen Kulturen lernen kann

Aktualisiert: 24. Nov. 2021


unterschiedliche Kulturen und Positive Psychology


Das östliche Konzept von Wohlbefinden weist in einigen Bereichen deutliche Unterschiede zu westlichen Ansichten auf. Es lohnt sich, diese Unterschiede herauszuarbeiten. Dabei geht es nicht darum, die einzelnen Unterschiede gegeneinander zu stellen, sondern zu sehen, wie sich beide Konzeptionen ergänzen und wechselseitig bereichern können.


Es ist unbestritten, dass die westliche Auffassung von Glück und Wohlbefinden ihre Wurzeln in traditionellen und aktuellen westlichen Gedankengebäuden hat. Das beeinflusst auch die Hauptströmungen der westlichen Psychologie. Sie basiert wesentlich auf den Grundsätzen des liberalen Individualismus. Dazu gehört die Annahme von einem feststehenden Selbst, das durch klare Grenzen vom Nicht-Selbst getrennt ist.

Dabei kommt es dazu, dass westliche Theorien und Instrumente auch für andere Kulturen als anwendbar betrachtet werden. Das führt unglücklicherweise zu einem Ignorieren von gewachsenen indigenen Strukturen des Denkens in anderen Kulturen.

Das westliche Konzept von psychischem Wohlbefinden

Dieses Gedankengebäude unterscheidet im Wesentlichen ein hedonistisches und ein eudaimonisches Konzept. Letzteres basiert auf Tugenden, Fertigkeiten und positiver Funktionalität. Ersteres zielt auf Vergnügen und positiven Gefühlen. Eudaimonia war der Hauptbegriff für Glück und Wohlbefinden und positiver Funktionsweise in der altgriechischen Philosophie.

Durch Hedonismus Wohlbefinden zu erlangen, hatte in der vormodernen Welt nicht die gleiche Aufmerksamkeit wie eudaimonisches Denken. Erst in der jüngeren Geschichte hat der Hedonismus die Popularität in der westlichen Kultur erlangt, die ihn heute charakterisiert. Philosophisch ist der Hedonismus als eine ethische Position bestimmt, die erklärt, dass Vergnügen oder Wohlbefinden das höchste Gut im Leben ist. Die Menschen sollen nach so viel Vergnügen als erreichbar streben.

Dabei soll gleichzeitig Leid und Schmerz soweit es geht reduziert werden. Unter hedonistisch orientierten Psychologen wird Wohlergehen als identisch mit subjektivem Wohlbefinden angesehen. Die eudaimonische Tradition betont dagegen, dass Menschen nur dann ein gutes Leben verwirklichen, wenn sie ihr Potential entwickeln und nicht vordergründig nach Vergnügen als Resultat von guten Gefühlen und Befriedigung streben.

Die gegenwärtige westliche Kultur und westliche psychologische Theorien fassen das Konzept von Wohlbefinden und gutem Leben als hauptsächlich auf positivem Gefühlsleben und hedonistischer Balance basierend auf. Im Mittelpunkt stehen individualistische Tugenden wie Autonomie, Selbstachtung, Können, Selbstbestimmung und Kontrolle. Das östliche Konzept des Wohlbefindens setzt hier andere Schwerpunkte.

Das östliche Konzept von psychischem Wohlbefinden

Dieses östliche Konzept hat seine geistigen Grundlagen hauptsächlich im Konfuzianismus, Taoismus, Buddhismus, Hinduismus und Sufismus. Aus diesen Religionen, die auch heute noch besonders in Asien wirkmächtig sind, erhält auch die Positive Psychologie östlicher Denkschulen wichtige Impulse. Auf sechs Hauptfeldern können die konzeptionellen Unterschiede zu westlichen Auffassungen auf diesem Feld verdeutlicht werden.

1. Selbsttranszendenz versus Selbststeigerung

Der Weg, wie Kulturen das Selbst definieren, ist von entscheidender Bedeutung, um das eigene Konzept des Wohlbefindens zu entwickeln. Wo das westliche Konzept des Selbst wesentlich auf den Idealen des Individualismus und der Selbststeigerung gründet, zielen östliche Traditionen darauf ab, das Individuum als einen kleinen Teil des Kollektivs und des Kosmos anzusehen. Das Individuum ist gefordert, sich seinen Platz in der Gemeinschaft und im Kosmos zu erschließen. Es geht dabei darum, immer wieder Eins mit dem großen Ganzen zu werden. Dazu ist die Fähigkeit zur Selbsttranszendenz eine wichtige Voraussetzung.

2. Eudaimonismus versus Hedonismus

Nach der dominanten westlichen Auffassung basiert Wohlbefinden auf dem Fehlen oder der Anwesenheit von Vergnügen und von bestimmten Emotionen. Großangelegte westliche Studien über psychisches Wohlbefinden in den vergangenen Jahrzehnten basieren auf der hedonistischen Theorie. In der östlich geprägten Tradition wird dieses Herangehen abgelehnt. Nach Auffassung ihrer Vertreter sind positive Emotionen und Vergnügen kurzlebig und marginal.

Sie werden als wenig geeignet betrachtet, um als Kriterium für die Messung von Wohlbefinden zu dienen. Im Gegensatz dazu bilden Tugenden die tragenden Säulen eines guten Lebens in diesen Kulturen. Daher ist das östliche Konzept von Wohlbefinden eher in Übereinstimmung mit eudaimonischem Verständnis von Wohlbefinden zu sehen.

3. Harmonie versus Beherrschung (mastery)

Nach der dominanten westlichen Weltsicht ist der Mensch aufgerufen, die Natur zu beherrschen und sich ihr untertan zu machen. Diese Sicht hat ihre Wurzeln in der sich ab 1700 in Europa entstehenden Aufklärung. Im Gegensatz dazu ist in der östlichen Weltsicht die Menschheit nur ein kleiner Teil des Kosmos.

Es geht darum, ihr Einssein mit der Natur zu begreifen und danach zu leben. Nach der westlichen Sicht zu Wohlbefinden geht es darum, die Welt zu beherrschen und Kontrolle auszuüben. Der östliche Blick ist darauf gerichtet, das Verhältnis zur Natur immer neu auszubalancieren und die größtmögliche Harmonie zu erreichen.

4. Zufriedenheit versus Befriedigung

Die Befriedigung im Leben hat über die vergangenen vier Jahrzehnte eine zentrale Rolle in der westlich geprägten psychologischen Literatur zur psychischen Gesundheit gespielt. In der Theorie zum subjektiven Wohlbefinden ist Befriedigung beispielsweise als eine der fundamentalen Komponenten für psychische Gesundheit benannt worden. Auf dem ersten Blick scheint das östliche Konzept der Zufriedenheit dem westlichen Konzept der Befriedigung ähnlich zu sein.

Tatsächlich gibt es grundlegende Unterschiede zwischen den beiden Konzepten. Das östliche Konzept der Zufriedenheit umfasst Befriedigung genauso wie viele weitere Qualitäten und Erfahrungen. Es wird als eine empfindliche Balance zwischen Freude und Sorge betrachtet, die sowohl in fröhlichen wie traurigen Zeiten gewahrt werden sollte. Im Osten ist dieses Konzept stark spirituell aufgeladen. Zufriedenheit wird begleitet von einem Sinn für Erfüllung und Reichhaltigkeit.

5. Wertschätzung versus Leidvermeidung

Das hedonistische Konzept von Glück, das nach einer Maximierung von subjektivem Wohlbefinden strebt, macht es schwierig, Mühsal, negative Affekte, Traurigkeit als mögliche integrale Teile eines guten Lebens anzusehen. In der östlich geprägten Auffassung wird eine gewisse Dosis von Leid als Bestandteil eines glücklichen Lebens betrachtet.

Danach gibt es auch positive Aspekte in negativen Emotionen wie beispielsweise Traurigkeit. Die Forschung zur positiven Psychologie ist herausgefordert, um zu einer erfolgreichen Integration östlicher Ansichten von Leid und negativen Gefühlen in die aktuellen hedonistischen und eudaimonischen Modelle zu gelangen.

6. Relevanz versus relative Irrelevanz von Spiritualität und Religion

Wer das Konzept von Wohlbefinden über kulturelle Grenzen hinweg betrachtet, kommt nicht umhin, in Rechnung zu stellen, welche Rolle Spiritualität oder Transzendenz in einer jeweiligen Kultur spielen. In westlichen Konzepten zum Wohlbefinden wird Religion und Spiritualität hauptsächlich als Anzeichen für psychische Gesundheit betrachtet.

In nichtwestlichen Kulturen ist Spiritualität und Religion untrennbar mit dem individuellen Verständnis und Erfahrungen des Lebens im Allgemeinen und der Auffassung über Glück im Besonderen verwoben. Für viele Menschen aus nicht westlichen Kulturen wird Glück in einem hohen Maße auf der Grundlage religiöser und metaphysischer Ansichten definiert.

Unübersehbar ist auch, dass östliche Ansichten über Wohlbefinden und ein gutes Leben moralisch aufgeladen sind. Wohlbefinden wird ausgehend von moralischen Werten definiert und soll durch moralisch gerechtfertigtes Handeln erreicht werden.

Schlussbetrachtung

Unübersehbar ist, dass es wesentliche Unterschiede in der von westlichem und östlichem Denken geprägten Konzeption von Wohlbefinden und Glück gibt. Die in den sechs Punkten aufgeführte Polarität findet sich dabei in allen Kulturen und gilt es in ihrer Wechselwirkung von Region zu Region zu beachten und besser zu begreifen.

Dabei sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, dass die Kenntnis von indigenen Kulturen eine Grundvoraussetzung ist, bevor westliche Modelle und Maßnahmen des psychischen Wohlbefindens in diesem Kulturkreis angewendet werden.

Es ist darüber hinaus sogar zu bedenken, ob und welche östlichen Konzepte stärkeren Eingang in das westliche Denken über Glück und Wohlbefinden finden sollten. Die Probleme der gegenwärtigen und zukünftigen Welt von Klimawandel bis Umweltzerstörung sind wahrscheinlich nur lösbar, wenn an die Stelle von Dominanz, Spaltung und Abgrenzung stärker Sichten von Solidarität, Harmonie und Gemeinsamkeit im Denken und Handeln treten.


Quelle:

Mohsen Joshanloo, Eastern Conceptualization of Happiness: Fundamental Differences with Western Views, https://link.springer.com/article/10.1007%2Fs10902-013-9431-1



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