Kongresse der "Seligman Europe Tour 2016" in Hamburg und Wien

Am 2. und 3. Juli fand in Hamburg der erste Teil der Eu-ropäischen Positive Psychology Tour statt, die vom 8. bis 10. Juli in Wien ihre Fortsetzung fand. In diesem und den kommenden Newslettern werden Erkenntnisse aus aus-gewählten Vorträgen vorgestellt. Den Anfang macht der Vortrag „Die Aufwärtsspirale der Positivität – Theoretische Annahmen und praktische Erkenntnisse“ von Barbara Fredrickson, Psychologieprofessorin der University of North Carolina.

Barbara Fredrickson stellte ihre „Positivspirale der Lebens-stilveränderung“ („upward spiral theory of lifestyle change“) vor, die auf ihrer Broaden-and-Build-Theorie basiert und sich auf Erkenntnisse aus der Suchtforschung und der Forschung über Krankheitsverhalten stützt. Kompetent und authentisch zeigte sie auf, wie wir Emotionen nutzen kön-nen, um eine Lebensstilveränderung herbeizuführen. Reiner Wille sei dafür nicht genug („we can’t just think our way into change“). Um die Positivspirale in Gang zu setz-en, sei es wichtig, die Emotionen auf eine verkörperte Ebe-ne („embodied level“) zu bringen und sie nicht im Kopf ver-bleiben zu lassen. Denn verkörperte Emotionen beeinflus-sen unsere Haltung, unsere Physiologie, unser Immun-system. Fredrickson zeigte auf, dass unser Lebensstil auch durch biologische Aspekte beeinflusst wird, wie etwa durch Entzündungsprozesse im Körper.

 

Emotionen sind für die promovierte Psychologin „micromo-ments of positivity“, flüchtig wie eine Welle. Weshalb sind sie dann so wirkungsvoll? Studien zeigen, dass positive Emotionen helfen, unbewusstes Verhalten und Motive (z.B. in Form von positiven spontanen Gedanken) aufzu-bauen, die mit der Zeit stärker werden und eine Lebensstil-änderung begünstigen können. Ein Beispiel dafür ist das Laufen. Wenn wir es schaffen, auch nur kurz zu laufen, führt die Bewegung zu positiven Emotionen und diese wie-derum zu spontanen positiven Gedanken, die in uns die Lust fördern, öfter Laufen zu gehen. Es kommen dieselben Prozesse wie bei der Sucht in Gang (Studie von Rice & Fredrickson, 2016).

 

Des Weiteren warnte B. Fredrickson davor, Glücklichsein zu hoch zu bemessen. Das könnte dazu führen, dass wir uns Sorgen machen, wenn wir uns nicht glücklich fühlen und so eine Depression begünstigen. Deshalb sei Glück-lichsein eine „empfindliche Kunst“ („pursuing happiness is a delicate art“). Sie führte das Konzept „Priorisieren von Positivität“ („prioritize positivity“) ein, das auf einer Studie von Catalino, Algoe & Fredrickson (2014) beruht. Wir kön-nen Positivität priorisieren, indem wir unser Augenmerk auf Personen, Dinge und Handlungen legen, die uns ermög-lichen, positive Emotionen zu empfinden. Denn Emotio-nen, so Fredrickson, seien uralte Reaktionen auf unser Umfeld. Und dieses wiederum habe eine große Wirkung auf unser Handeln und Denken. In der oben genannten Studie konnte nachgewiesen werden, dass Menschen, die besser abschneiden bei der Fähigkeit, ein Umfeld auszu-wählen, das positive Emotionen begünstigt, auch tatsäch-lich mehr positive Emotionen empfinden.  Auf diese Art be-günstigte Positivität hat Auswirkungen auf unseren Le-bensstil, denn unsere Entscheidung, was wir als nächstes tun, hängt davon ab, wie wir uns fühlen, wenn wir es tun. Und so kommt die Positivspirale der Lebensstiländerung in Gang. Barbara Fredrickson schlägt mit einem Augenzwin-kern vor, „just do it!“ durch „just enjoy it!“ zu ersetzen

 

 

 

 

 

 

 

 

Autorin: Mirjam Rolfe

von Chances in Change

Homo Prospectus - der voraus-schauende, der vorsorgende Mensch

Vier Größen der amerikanischen Positiven Psychologie haben nicht nur gemeinsam ein Buch veröffentlicht, das mit seinem Titel den „Homo Prospectus“ ausruft, sondern beim Positive Psychologie Kongress in Wien am 10.07.16 dazu auch ihre Vorträge ausgerichtet.

Martin Seligman, Peter Railton, Roy F. Baumeister und Chandra Sripada stellen in ihrem Buch die These auf, dass wir „wissende Menschen“ zwar weise sind, aber etwas anderes noch besser können: die Zukunft zu beobachten und vorherzusehen. Auf dem Kongress in Wien haben sie uns Teilnehmende bei 34°C Außentemperatur mit ihren Vorträgen zu diesem Thema gut ins Schwitzen gebracht. Vom Setting her war es spannend und für das Verständnis unterstützend, dass alle vier Wissenschaftler den ganzen Tag über an einem Tisch auf der Bühne präsent waren: bei der Beantwortung von  Fragen zu den einzelnen Vorträgen standen sie alle Rede und Antwort, haben sich ergänzt und dadurch fachbereichsübergreifende Perspektiven hineingebracht.

Prof. Dr. Martin Seligman legte in seiner Einführung zum Thema dar, wie es zum Homo Prospectus kam: Die klas-sische Psychologie versuche, die Zukunft aus der Vergan-genheit abzuleiten, die Psychoanalyse behaupte, dass wir Gefangene der Vergangenheit seien. Auf Basis des Mo-dells des Homo Sapiens brauchen wir nur vier Aspekte des Anderen zu wissen, um die Zukunft zu erkennen:

  • Vergangene Erfahrungen
  • Gene
  • Was eine Person antreibt
  • Stimuli aus dem aktuellem Umfeld

Laut Seligmann habe dieses Herangehen nicht so gut funktioniert. Im Zuge der Forschungen der Positiven Psychologie sei hingegen deutlich geworden, dass wir mehr als 50% unserer geistigen Leistung mit der Zukunft verbringen (Anmerkung der Autorin: spannend dabei: Je älter wir sind, umso mehr leben wir in der Vergangenheit und Zukunft, Jugendliche leben in der Gegenwart. Mir stellt sich dabei die Frage: Wenn wir „älteren“ Menschen wieder lernen, in der Gegenwart zu leben, werden wir dann wie-der jünger ;-) – lohnt sich, auszuprobieren, oder?) .

Seligman warf folgende Fragen auf:

  • Was wäre, wenn Vision nicht die Erfassung der Gegenwart wäre, sondern die Vorstellung der Zukunft?
  • Was, wenn Erinnerung nicht eine Schublade voller Photographien wäre, sondern eine hoffnungsvolle Truhe voller Möglichkeiten (Anmerkung der Autorin: spannend hierzu: Am Abend des 09.07. hat Matthias Vaga von Kibet per skype in seinem fantastischen Vortrag zum Thema „Wunsch, Wille und positive Veränderung“ aufgezeigt, dass sich die Wunderfrage von Steve de Shazer „Stell Dir vor, es geschieht ein Wunder …“ auch auf die Vergangenheit anwenden und dass diese sich nachträglich in der inneren Abbildung verändern lässt).
  • Was wäre, wenn Emotionen nicht eine Bewegung aus dem Jetzt, sondern eine Leistung für die Zukunft wären?
  • Was wäre, wenn einen Menschen zu kennen nicht bedeuten würde, zu wissen was er in der Vergan-genheit getan hat, sondern was er in Zukunft tun wird?
  • Was wäre, wenn Aktion nicht von der Vergangenheit beeinflusst, sondern von der Zukunft gezogen wäre?
  • Was, wenn unser Verstand kein Lagerraum an Wissen wäre, sondern eine Maschine für Prognosen und Voraussagungen?

Zusammenfassend: Was wäre, wenn alle unsere Lernpro-zesse sich um die Zukunft drehen?

Welche Untersuchungsergebnisse zu diesen Gedanken geführt haben und was daraus für eine Prospektive Psychologie resultiert, haben uns in Ausschnitten die Vorträge der anderen Wissenschaftler dargelegt bzw. wird im Buch vertieft.

 

Elke Meyer Kompetenzsprung

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