7 Wege, wie die Positive Psychologie in der Coronakrise von nutzen sein kann

Prof. Dr. Martin Seligman im Gespräch

Es war schon spät am Abend, als ich mich in das Zoomtelefonat mit Prof. Martin Seligman einwählte. Seligman hatte Experten aus mehr als 20 Ländern eingeladen, um über die Frage zu diskutieren, wie die Positive Psychologie in Zeiten von Corona genutzt werden kann. Hier sind seine wichtigsten Gedanken dazu.

Lektionen aus vergangenen Krisen

 

"Die Positive Psychologie wurde ursprünglich in einer Zeit gegründet, in der es keine Krise gab. Dann geschah der Terroranschlag am 11. September. Mein erster Gedanke war damals, dass die Positive Psychologie in der folgenden Krise keine Rolle spielen würde." sagte Seligman.

 

Es war Chris Peterson, einer der Gründerväter der Positiven Psychologie, der damals meinte, dass die Bewertung einer Idee, wie die der Positiven Psychologie, außerhalb einer Krisenzeit anders ausfällt, als während einer Krise. Ob die Positive Psychologie auch in Krisenzeiten von Belang sein würde, sollte sich erst herausstellen. Schon bald zeigte sich, wie wichtig die Positive Psychologie grade jetzt sein sollte: "Während der Zeit des 11. Septembers nahmen täglich über tausend Menschen am Fragebogen zu den Charakterstärken teil." sagt Seligman. "Chris und ich analysierten die Daten aus dieser Zeit und stellten fest, dass die Stärken Glaube, Hoffnung und Liebe in den USA (und nirgendwo sonst) stark anstiegen und sechs Monate lang auf dem Niveau blieben." In keinem anderen Kontext sind diese Stärken so sehr gefordert und entscheidend, wie in einer existentiellen Krise. Seligman schließt daraus: "Die Positive Psychologie spielt in Krisenzeiten definitiv eine Rolle, jedoch könnte sie sich von ihrer üblichen Rolle unterscheiden."

 

7 Wege für die Positive Psychologie in der Coronakrise

 

Seligman zeigte verschiedene Wege auf, die die Wissenschaft der Positiven Psychologie nun nahelegt: 

 

1. Helfen Sie Isolation und Einsamkeit zu überwinden

 

Grade mental schwächere Menschen, die zudem vielleicht in Isolation leben müssen, benötigen jetzt Beistand. Treten Sie häufig und kreativ mit Ihnen in Kontakt, um dem schlimmsten mentalen Gift entgegen zu wirken; der Einsamkeit. 

 

2. Rücken Sie die Dinge ins rechte Licht

 

„Putting things into perspective“ ist jetzt wichtiger denn je.  Menschen, die zu einer katastrophisierenden Perspektive neigen, sollten sich jetzt regelmäßig fragen: was ist der beste, der schlimmste und der wahrscheinlichste Fall dessen, was passieren kann und was kann ich tun, damit der wahrscheinlichste Fall eintreten kann?

 

3. Bringen Sie Menschen dazu, ihre Stärken zu nutzen 

 

Im Zustand von Angst und Sorge verlieren viele Menschen den automatischen Zugang zu ihren Ressourcen. Fragen Sie sich, welche Stärken Sie haben und wie Sie diese jetzt bewusst nutzen und einsetzen können.

 

4. Machen Sie sich die möglichen positiven Aspekte bewusst

 

Jede Veränderung, sei sie auch noch so herausfordernd, bringt fast immer auch Gutes mit sich, selbst wenn es nur um ein erzwungenes Innehalten geht. Was an Positivem birgt die Krise für Sie? 

 

5. Konzentrieren Sie sich darauf, positive Emotionen zu erzeugen (für sich selbst und andere)

 

Die Forschung belegt, dass Aktivitäten die positive Emotionen verstärken Infektionsraten senken können. Sheldon Cohen maß den Grad an positiven Emotionen und an Optimismus bei Studienteilnehmern. Er verabreichte ihnen eine 50%ige Dosis Rhinovirus (übrigens auch eine Art Coronavirus) über die Nase und isolierte sie anschließend, um herauszufinden, wer eine Erkältung entwickelt. Personen mit einem hohen Ausmaß an positiven Emotionen entwickelten in 25% der Fälle eine Erkältung. Personen mit einem niedrigen Grad an positiven Emotionen bekamen in 75% der Fälle eine Erkältung. Bemerkenswert ist dabei, dass das Außmaß an Optimismus keinen Unterschied machte.

 

6. Bilden Sie virtuelle Gruppen, um die oben genannten Wege umzusetzen

 

Um neue Verhaltensweisen und Denkmuster zu etablieren ist nichts so hilfreich, wie diesen Weg gemeinsam mit anderen zu gehen. Egal ob Sie sich mit Freunden oder mit Fremden zusammentun, finden Sie Wege um sich gemeinsam auf die Reise zu machen, denn das erhöht die Erfolgschancen erheblich. 

 

7. Gestalten Sie das Leben nach der Krise neu

 

Seligman sagt: "Nachdem sich die medizinische Krise von COVID-19 beruhigt hat, wird es weniger um positive Emotionen gehen, als vielmehr darum, was den Menschen hilft, um die Situation wieder zu normalisieren. Hingearbeitet werden sollte darauf, den Fokus auf Optimismus, Hoffnung und Resilienz zu legen." Dazu könnte zählen:

 

  • Erkennen und Diskutieren von Katastrophen-Gedanken
  • Stimulieren von posttraumatisches Wachstum
  • Stärken von Belastbarkeit  und Resilienz als Weg zur Genesung
  • Positiver Journalismus, um die Medien von ihren negativ verzerrten Berichten abzubringen
  • Starke Führung, die mit Optimismus und Zukunftsorientiertheit lenkt

 

In der gemeinsamen Diskussion mit Seligman über die Frage, wie die Experten der Positiven Psychologie weltweit einen Beitrag leisten können, werden wir in Kürze berichten. 

 

Bis dahin wollen wir schon jetzt einen Beitrag leisten. Wir bilden psychologisch Helfende und die, die es werden wollen, kostenfrei in den kommenden Wochen und Monaten in den wichtigsten Erkenntnissen und Methoden der Positiven Psychologie in Krisenzeiten weiter. Mehr dazu erfahren Sie hier.

 

Bleiben Sie gesund! 

 

Ihre Judith Mangelsdorf

 

 

Referenzen

 

Cohen, S., Doyle, W. J., Turner, R. B., Alper, C. M., & Skoner, D. P. (2003). Emotional style and susceptibility to the common cold. Psychosomatic Medicine, 65 (4), 652-657. doi: 10.1097/01.PSY.0000077508.57784.

 

Diener, E., Lucas, R. E., & Scollon, C. N. (2006). Beyond the hedonic treadmill: revising the adaptation theory of well-being. American Psychologist, 61(4), 305-314.

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