"Die Psychologen übernehmen die Macht" 

Der Artikel im "New York Review of Books" vom 25. Februar 2016 kommt mit einer knalligen Überschrift daher: "Psychologists Take Power". Vier Fotos lockern den Text auf. Auf den ersten beiden Bildern lächeln zwei von der CIA engagierte Folterexperten in die Kamera. Auf dem dritten Foto sitzen ein Vertreter des US-Militärs und ein Zivilist (Prof. Martin Seligman – der Verf.) unter der Losung "Umfassende soldatische Fitness – solider Geist – starke Körper" auf einem Podium. Auf dem vierten Foto ist eine Szene aus dem irakischen Foltergefängnis Abu Ghraib zu sehen. Wer sich zuerst aus Gewohnheit die Bilder eines Artikels anschaut und ihn dann erst liest, weiß jetzt schon wie der Hase läuft.

 

Verfasserin des Beitrags ist die 1970 geborene Tamsin Shaw. Sie ist Assistenzprofessorin an der New Yorker Universität für Europäische und Mittelmeer-Studien und Philosophie. Vor einigen Jahren hat sie ein Buch über den politischen Skeptizismus von Friedrich Nietzsche veröffentlicht.

 

Da ihr Beitrag in einer Literaturzeitung präsentiert wird, werden auch die Autoren der Bücher genannt, die Dr. Shaw in ihre Betrachtung einbezogen sehen möchte. Es handelt sich dabei um im englischsprachigen Raum bekannte Psychologen, wobei die meisten der Positiven Psychologie nahe stehen. Genannt werden u.a. Jonathan Haidt, Steven Pinkert, Paul Bloom, William Damon, Anne Colby und Joshua Green. Wenn die Autorin das eine oder andere Argument für ihre These benötigt, dass der Leser seine moralische Autorität an jemanden überträgt, der keinen Anspruch darauf hat, zitiert sie je nach Bedarf aus den vorliegenden Publikationen einzelne Sätze. Eine detaillierte Besprechung und Analyse erübrigt sich ohnehin, da durch die Überschrift und die genannten Fotos die Autoren und ihre Bücher ohnehin bereits in einen unzweideutigen Zusammenhang gestellt sind.

 

Besonders prononciert wendet sich Dr. Shaw gegen den Anspruch einiger der genannten Autoren, einschätzen zu können, welche moralischen Bewertungen gut oder schlecht sind, weil sie besser oder schlechter der Norm sozialer Kooperation entsprechen.

 

Dass diese Herangehensweise in der Psychologie eine so nachhaltige Wirkung gezeigt hat, sieht die Autorin in dem starken Einfluss der Positiven Psychologie, die angeblich 1998 durch Martin Seligman „gegründet“ wurde - als ob man eine wissenschaftlich Strömung wie einen Fußballverein aus der Taufe heben könnte. Ausgehend von diesem Gründungsmythos verzichtet Dr. Shaw darauf, auf Psychologen wie Abraham Maslow einzugehen, der bereits in den 1950er Jahren den Begriff der Positiven Psychologie geprägt hat, und Carl Rogers zu nennen, der in den 1960ern in seinen Publikationen den Menschen als prinzipiell positiv und entwicklungsfähig betrachtete. Andere Pioniere der Positiven Psychologie wie Christopher Peterson, Mihaly Csikszentmihalyi, Daniel Kahneman und Edward Diener zu nennen, die der Positiven Psychologie nach Maslow und Rogers zusammen mit Martin Seligman deutliche Impulse verliehen haben, passt hier auch nicht ins Bild. Die Verfasserin hält an ihrer vorgefassten Meinung fest, dass psychologische Forschung keine moralischen Normen verfechten darf. Darüber hinaus wirft sie die Frage auf, ob die angeblich minimale moralische Norm der Kooperation, auf die die Psychologen sich berufen, ausreichend ist, um diese mit einem moralischen Kompass auszustatten. Wissenschaftliche Erkenntnis und Forschungsergebnisse will sie offensichtlich daran messen, ob der Forscher als Mensch seinen Forschungsergebnissen persönlich genügt.

 

Um gerade das Versagen der Zunft der Psychologen an diesem hehren Maßstab zu demonstrieren, nimmt Dr. Shaw die Untersuchungen in der American Psychological Association (APA) aus dem Jahre 2015 zum Anlass. Hier kam ans Licht, dass es ein geheimes Einverständnis zwischen der APA einerseits und dem US-Verteidi-gungsministerium sowie der CIA andererseits in bestimmten Fragen gegeben hatte. Betroffene Wissenschaftler nahmen ihren Hut oder wurden nach Hause geschickt. Frau Shaw will es dabei aber nicht bewenden lassen. Kein Rauch ohne mehrere Feuer.

 

Als Musterbeispiel für das angebliche moralische Versagen der US-amerikanischen Psychologen muss nun Professor Seligman mit seiner Theorie der "erlernten Hilflosigkeit" herhalten. Deren Erläuterung durch Dr. Shaw führt nach wenigen erklärenden Sätzen der Autorin in die Folterkeller von Abu Ghraib. In ihrer Anklage führt die Autorin an, dass Martin Seligman an Veranstaltungen teilnahm, die auch von CIA-Folterexperten besucht wurden, und dass er an Programmen des US-Verteidigungsministeriums beteiligt war, die die Armee durchführte, um ihre Soldaten besser auf Stresssituationen vorzubereiten. (Es sei am Rande bemerkt, dass es keinen stichhaltigen Beweis einer schuldhaften Verstrickung von Prof. Seligman in die Folterpraktiken der CIA gibt, sondern nur das Bauchgefühl von Dr. Shaw als Quelle dient.) Nun kann man die Zusammenarbeit von Prof. Seligman mit dem US-Verteidigungsministerium oder die Tatsache, dass CIA-Experten seine Vorlesungen besucht und seine Bücher gelesen haben, persönlich gut oder schlecht finden. Es ist und bleibt aber kein ernstzunehmendes Argument dafür, wichtige Forschungsergebnisse auf dem Gebiet der Positiven Psychologie zu verdammen und die Gemeinde der Psychologen als moralisch unzuverlässig an den Pranger zu stellen.

 

Man kann Dr. Shaw nur beipflichten, dass die menschliche Fähigkeit zu reflektieren und Entscheidungen gegeneinander abzuwägen, nicht durch Psychologen ersetzt werden kann. Dies soll zweifellos keiner höheren Autorität oder Handbüchern übertragen werden. Von Menschen erzeugtes Leiden erfordert ihrer Meinung nach nicht in erster Linie "neue Techniken des Verhaltens", sondern echtes moralisches Verständnis. Das findet man aus ihrer Sicht in den jüngsten Büchern der zitierten Psychologen nicht. Vor dem Hintergrund ihrer Abhandlung stellt sich die Frage, ob Dr. Shaw die Bücher vielleicht nicht richtig, weil voreingenommen, gelesen hat? Viele Menschen auf allen Kontinenten haben gerade durch die Positive Psychologie einen neuen Zugang zu ihren persönlichen Stärken gefunden und ihre Lebensqualität erhöht. Sie haben gelernt, wie man Glück bewusst erleben und dem eigenen Leben einen zusätzlichen Sinn verleihen kann. Sie haben auch gelernt, mit Leid besser umzugehen, das sich die Menschen bis heute noch täglich an vielen Orten der Welt zufügen.

 

Tamsin Shaw hat auch den Skeptikern der Positiven Psychologie sowie Menschen, die gegenüber zu schnellen und zu perfekten Antworten eher Distanz wahren, mit diesem Artikel keinen Dienst erwiesen. Ihr Grundanliegen, Fragen der Moral und Ethik nicht allein den Wissenschaftlern im Feld der Psychologie zu überlassen, ist sicher richtig. Jeder Philosoph, Sozialwissenschaftler, Schriftsteller oder jede Privatperson – ob in den USA oder andernorts - kann sich daran beteiligen. Kein Psychologe könnte, auch wenn er es wollte, dieses Feld für sich allein beanspruchen.

Psychologen das Recht abzusprechen, die Frage nach der Entstehung von menschlicher Moral aufzuwerfen und zu untersuchen, sollte sich für Frau Professorin Tamsin als Wissenschaftlerin von selbst verbieten. Wissenschaftliche Ergebnisse oder Erkenntnisse, die man selber nicht teilt oder nicht mag, anzuzweifeln, indem man nicht mit Argumenten streitet, sondern die moralische Integrität der betroffenen Forscher in Frage stellt, ist schlicht unqualifiziert.

 

G.M.

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